 Gefrässigkeit, Nachahmungseitelkeit und ähnlicher untermenschlicher
Widerlichkeiten.«
    Schlichting schüttelte den Kopf, zerstreut, missmutig, abgespannt.
    Doktor Trostberg bereitete sich eine frische Zigarrette aus duftigem
Genidzetabak.
    »Ja, das Glück der Bösen - das klingt freilich wie ungeheuerlicher Sophismus
für sittlich ausgewaschene Ohren. Warum gedeihen denn die Bösen so üppig? Warum
entschlüpfen denn gerade die exzessiven Schufte wie dieser Pressbandit viel eher
den Quälereien und Quängeleien des Lebens, denen so viele brave Leute täglich
unterliegen? Warum können diese Revolvermänner so frech mit ihrer Waffe spielen?
Freilich, einmal verunglücken sie damit, aber sie haben doch unendlich lange
sich des Erfolges ihres Räuberspiels erfreut.«
    »Weil das Publikum so feige ist, sich ihre Praktiken gefallen zu lassen. Das
Publikum ist der Mitschuldige. Es lässt sich einschüchtern. Nicht bloß in Italien
zahlt man den Räubern ein Lösegeld oder einen regelmäßigen Tribut, damit man vor
ihren Überfällen verschont bleibt.«
    Schlichting fieberte. Er fühlte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg.
    »Nein, nicht bloß in Italien, sehr richtig. dabei kommt auch noch dies in
Betracht: der heilige Florian wird vom Feuerfürchtigen angerufen: Ich bitt'
dich, heiliger Florian, verschon' mein Haus, zünd' andere an. Wenn das Haus des
andern brennt, ist's immer ein Schauspiel, das man sich mit Vergnügen beguckt,
weil's die Nerven kitzelt. So bezahlt man als Skandalfürchtiger dem
journalistischen Kloakenmann ein Schweigegeld für sich, damit man zugleich als,
Skandalfreudiger sich an dem Anblick weiden kann, wenn er mit doppelter
Frechheit über die Nichtzahler herfällt und sie von oben bis unten mit Kot
bemalt. Dem genussgierigen Mob, auch dem gebildeten, ist jede Gemeinheit
willkommen. Ich werde Ihnen einmal mit einer Reihe von Einzelfällen aus der
sogenannten besten Gesellschaft aufwarten, dass Sie staunen sollen. Aber Sie
müssen erst gehörig Kognak trinken lernen, - wollen Sie einen Schluck? ich habe
sehr guten da - damit Sie den Ekel aushalten. Ja, dieser glitzernde Sumpf,
dieser duftende Mistaufen ... Und das will sich, wie der Pharisäer im
Evangelium, an die Brust schlagen und augenverdrehend den Himmel angrüssen: Ich
danke dir Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute aus Sodom und Gomorrah
... Sie sind noch jung in München, lieber Freund. Die schmutzigen Münchener
Geheimnisse unter der sozialen Glanzwichse entschleiern sich nicht mit dem
ersten Blick. Ich werde Ihnen meine Augen und meine Materialiensammlungen
leihen, wenn die Zeit gekommen. Dann werden Sie tief hineinblicken in unser
verborgenes Leben. Nur will ich die Stetigkeit Ihrer Arbeiten nicht
beeinträchtigen durch Stoffüberladung. Nur eins will ich Ihnen heute noch
erzählen, um der Kontrastwirkung willen. Ein Widerspiel exzessiver Güte der
exzessiven Schlechtigkeit. Im Gegensatz
