, kommen mir
vor wie Prostituierte, die sich dem Liebesakte gewerbsmässig hingeben, ohne
jedwede Innigkeit der Empfindung, die bei der Umarmung nur den materiellen
Gewinn fühlen, der in ihr Portemonnaie fällt, oder die stupide Befriedigung
einer tierischen Laune, in welche höchstens die schamlos kühle Beobachtung und
Vergleichung des gegenwärtigen Falles mit vorausgegangenen einen Zug entmenscht
menschlicher Besinnung bringt. Diese sogenannten keuschen Dichter mit ihrer
ausgeklügelten Liebesschilderei und Schleierweberei und Andeuterei sind die
eigentlich unkeuschen Dichter; sie leisten bei aller anscheinenden
Wohlanständigkeit ihrer Darstellung der allzeit regen und aufgestachelten
Phantasie ihrer Leser die schmutzigsten Kupplerdienste. Natürlich wissen sie
sich sehr gescheidt damit zu decken, dass sie bei aller halbverhüllten Brünstelei
und Liebesstöhnerei die legitime Regulierung des Liebestriebes zu fördern
vorgeben. Nachdem sie ihr Liebespärchen und mit ihm den Leser und besonders die
Leserin mit heißen Blicken, Küssen und anderen noch in den Rahmen der
konventionellen Sittlichkeit fallenden Betastungen und Entblössungen weit genug
gebracht haben, dann legen sie den Finger an den Mund, ziehen den Vorhang zu und
pantomimen als echte Komödianten der Feigenblattmoral: So, meine Lieben, jetzt
seht euch nach einem legitimen Strohsack oder, wenn's die Mittel erlauben, nach
einem schwellenden Himmelbett um, und lasst den Herrn Standesbeamten oder den
hochwürdigen Herrn Pfarrer rufen - und damit ist alles in schönster Ordnung, das
sonst Zuchtloseste und Verfehmteste ist dann eitel Zucht und Sitte. Form ist
alles. Legitimität und Justemilieu! Und die gute, gedrillte Kulturmenschheit
weiß sich nichts Erhabeneres in ihren Gedichten, Bildern, Romanen und
Teaterstücken, als diese ewigen Liebes-Legitimitäts-Aufschneidereien abzuorgeln
und - - - in Wirklichkeit doch alles hinterrücks so geschehen zu lassen, wie's
der alten und ewig jungen Natur gefällt. Nein, mein Freund, mit solchem Zeug
wollen wir nichts zu tun haben. Das ist den Tropfen Tinte nicht wert, mit dem
man's niederschreibt. Herzblut und Wahrheit! - - Haben Sie schon einmal
gründlich erfahren, was Liebe ist - himmlische und irdische Liebe, wie sie
unsere ästetisch-sittlichen Spaltpilz-Spalter so weise und klug unterscheiden?
Haben Sie ... Ich verstehe Ihr Schweigen zu würdigen, junger Freund. Es ist
kräftiger, als ein lautes Ja. Aber wollen Sie wirklich nicht Platz nehmen? Ich
spreche leichter, wenn ich Sie gut aufgehoben weiß. Ziehen Sie sich wenigstens
den Schaukelstuhl ans Fenster; sitzend hört man nicht nur bequemer, sondern auch
besser. Und Sie sind noch müde und nervös von gestern und haben einen Tag voll
Arbeit vor sich. Rücken Sie mir das Rauchtischchen näher, bitte! So - Sie lieber
Mensch.«
    Schlichting hatte sich im Schaukelstuhl am Fenster niedergelassen. Er wandte
sein bleiches Gesicht dem Sprecher zu, dessen ruhendes Längenbild sich ihm in
phantastischer Verkürzung zeigte,
