 habe er bei weitem nicht alle Vorübergehenden gesehen,
weil ihm der Rasierer alle Augenblicke das Gesicht am Nasenzipfel oder Kinn zur
Seite zog. Einige habe er vielleicht übersehen oder nicht erkannt, da das blaue
Drahtgitter gerade am Fenster die Gestalten etwas verdunkle. Ich musste bei allem
Elende lachen, nun hat es sich schnell gerächt!«
    »Wenn es nicht so schmählich wäre, was geschieht,« gab Marie zur Antwort,
»so würde ich mich freuen, dass wir die Töchter wieder zu uns nehmen können; denn
das wird keine Frage sein, ob sie jetzt frei werden oder nicht!«
    »Natürlich! Das heißt, wenn sie nicht auf eine neue Narrheit verfallen,
nämlich die, den einmal angetrauten Gatten im Unglück, heiße es, wie es wolle,
vor der Welt anhangen zu müssen und den Lohn im Bewusstsein einer standhaft
geübten Barmherzigkeit zu suchen. Man hat ja Beispiele!«
    »Du vergisst, dass hiezu immer noch ein Fünklein Liebe gehören würde, das ja
längst erloschen ist!«
    »Du magst freilich recht haben! Um so besser! Aber wir sprechen ja schon nur
von beiden Herren, während noch gar nicht gesagt ist, dass Meister Julian, der
Vogelsteller, den Weg seines Bruders gehen werde! Er kann, wenn auch nicht
braver, doch vorsichtiger, schlauer gewesen sein oder mehr Glück gehabt haben!«
    »Ich bin sicher, dass er den anderen früher einholen wird, als man vielleicht
denkt. Wozu sollte er sich gerade in diesem Punkte von ihm unterscheiden?«
    »Desto schlimmer für mich!« sagte Salander mit düsterem Sinnen, »oder
vielmehr für uns alle! Wenn nur einer so elend zugrunde geht, so ist es nicht
das gleiche, wie wenn beide dahinfahren; da erst wird die auffällige
Doppelhochzeit recht aufgerührt werden, die ich angerichtet habe, durch die ich
in den Rat gekommen bin, was jedermann weiß, und die ein höhnisches Sprichwort
sein wird, länger als wir leben; und auf diese Weise habe ich meiner politischen
Parteirichtung, der Volkssache überhaupt Schaden statt Nutzen gestiftet! Und die
Töchter werden wie lebendige Denkmäler der vertrackten Geschichte herumgehen.
Und dann der Arnold! Schon damals hat man nur von der Salanderhochzeit
gesprochen; wenn er nun endlich heimkehrt, so hab ich ihm einen schönen Knüppel
an seinen Namen gehängt, wenn er öffentlich wirken will!«
    »Solche Ängste hab ich nun nicht,« erwiderte Marie nachdenklich; »du stehst
doch nicht auf so schwachen Füßen, und was den Arnold betrifft, so wird er immer
den guten Namen finden, den er braucht. Nur gesteh ich, dass, sosehr ich seine
Heimkehr herbeiwünsche, doch jetzt erschrecken würde, wenn er mitten in den
Skandalprozess hineingeriete!
