 seinem Konskriptionszettel und in dem Totenschein. In Barnow
jedoch ward er nie anders genannt als »Sender der Pojaz« oder noch häufiger
»Roseles Pojaz«. Denn die Rosele Kurländer draußen im Mauthause, am Eingang des
Städtchens, hatte ihn aufgezogen, und er benahm sich so sonderbar: wie ein
»Pojaz« meinten die Leute. »Pojaz« aber ist das korrumpierte Wort für »Bajazzo«.
    Auch die Rosel war nur seine Pflegemutter. Sender war mit niemand im
Städtchen verwandt, auch sonst mit keinem Menschen in der ganzen weiten Welt.
Freilich war er in Barnow geboren und stand im Buch der Gemeinde verzeichnet.
Die Leute hätten ihn nicht fortjagen dürfen, selbst wenn er ihnen zur Last
gefallen wäre, wie die Scholle das Samenkorn, das ihr der Wind zugetragen,
dulden muss, auch wenn es zum Unkraut wird. Aber deshalb ist es doch nur ein
Zufall, dass es hier gehaftet und nicht eine Meile weiter. Er freilich hatte die
Empfindung nicht, dass er nur so ein Korn im Winde gewesen, und als sie ihn spät
genug überkam, bestimmte sie sein ganzes Leben. Den Leuten von Barnow aber war
er immer ein Fremder, und es wunderte sie, dass er so lange unter ihnen blieb,
denn seine Herkunft war ihnen ja allen vertraut.
    Sein Vater, Mendele Glatteis, war ein »Schnorrer« gewesen, ein fahrender
Mann, der rastlos umherzog und nichts, gar nichts sein eigen nennen konnte.
    Es gibt sehr viele solche Nomaden unter den Juden des Ostens; tausend und
abertausend verurteilen sich in dieser Weise freiwillig zur bittersten Armut,
zum Verzicht auf all die Güter, die auch dem Dürftigsten das Leben schmücken und
erträglich machen: Heimat, Weib und Kind.
    Man sagt, der Hang zur Trägheit, die Arbeitsscheu erkläre diese Erscheinung,
und hat dabei insoweit recht, als sicherlich kein »Schnorrer« zu einer
geordneten Tätigkeit zu bringen ist. Da fruchten nicht Güte, noch Strenge, er
würde lieber verhungern, als arbeiten. Aber darum allein brauchte er noch nicht
durch aller Herren Länder zu ziehen; so schwer auch die Sorge ums tägliche Brot
auf den Juden des Ostens lastet - die ärmsten Menschen der Erde finden sich
gewiss im polnischen und russischen Ghetto -, so ist doch dort noch keiner
verhungert, so lang die anderen leidlich satt wurden. Der Fleissige verwünscht
den Bettler, aber wehe dem, der gegen den Bruder harterzig sein wollte, er wäre
geächtet. So kann der Träge nirgendwo besser fortkommen als dort, wo ihm die
fromme Satzung unter allen Umständen den Unterhalt sichert; in der Fremde hat er
nicht bloß mit der Polizei zu kämpfen, sondern auch mit den einheimischen
Bettlern, die den Zugereisten grimmig verfolgen.
    Es hat also
