Da
ich im vorigen Jahr in Czernowitz gute Geschäfte gemacht habe - nur hatte ich da
viel Verdruss, weil mir einige, gottlob untergeordnete Mitglieder, unter Führung
meines zweiten Komikers Stickler, durchbrannten, um sich, wie ich höre, in
Galizien herumzutreiben -, so gedenke ich auch dieses Jahr am 1. März dort
einzutreffen. Willst Du kommen, so erwarte ich Dich also zu diesem Termin und
möchte Dir raten, Dich, falls Du überhaupt noch Schauspieler werden willst, nun
durch keine äußeren Hindernisse abhalten zu lassen. Denn da Du nun bald
zweiundzwanzig Jahre alt bist, so ist's die höchste Zeit.« Unumwunden - schrieb
er ferner und auf die Gefahr hin, in Senders Augen an Autorität einzubüssen -
wolle er gestehen, dass ihm Zweifel gekommen, ob sein erster Rat, noch zwei Jahre
in Barnow zu verbringen, ein guter gewesen. »Es sprach ja vieles dafür, aber ich
bereue es doch, Du wärest, wenn ich Dich damals gleich mitgenommen hätte,
wahrscheinlich viel weiter. Denn fast alle Kollegen, denen ich von Dir erzählt
habe, waren dieser Meinung, darunter namentlich Dein großer Landsmann Bogumil
Dawison, den ich in diesem Sommer in Dresden gesprochen habe. Meine Erzählung
Deiner Schicksale hat ihn auf das lebhafteste interessiert und an seine eigene
Jugendzeit erinnert. Hoffentlich triffst Du einmal, wenn auch Du ein tüchtiger
Schauspieler geworden bist, mit ihm zusammen und Ihr könnt dann beide von Euch
sagen, dass Euch die frühen Kämpfe und Entbehrungen nicht gebrochen, sondern
gestählt haben. Dawison also war es vornehmlich, der mir sagte: Sie kennen das
polnische Ghetto nicht, wohl aber ich. Sie hätten den armen Jungen sofort
befreien müssen. Auch wird man nur durch Spielen ein Schauspieler, nur auf der
Bühne und nicht aus Büchern. Hätte Ihr Schützling, wenn er ein Talent ist - und
das bist Du, Sender - auf der letzten Schmiere zwei Jahre lang Bediente
gespielt, so würde ihm das mehr genützt haben, als wenn er inzwischen eine ganze
Bibliothek durchstudiert hat. Wie gesagt, lieber Sender, ich wollte Dir dies
nicht verschwiegen haben, obwohl es gegen mich spricht, weil ich Dich nun
wenigstens vor längerem Zögern bewahren möchte.« Der Brief schloss mit dem Rat,
Wäsche, aber so wenig Kleider wie möglich mitzunehmen. »Denn Deinen Kaftan wirst
Du bei mir nicht tragen. Was Geld betrifft, hast Du keins, so mach' Dir nichts
draus. Also auf Wiedersehen am 1. März.«
    Sender las und las immer wieder. »Der gute Mensch«, murmelte er gerührt.
»Wie er sich nun gar selbst anklagt, und er hat mir doch gewiss geraten, so gut
er's verstanden hat. Zum Glück
