 ihm. »Es war Notwehr«, sagte er sich zur Entschuldigung,
aber wenn er die Trauer der Mutter sah oder ihrem finsteren, vorwurfsvollen
Blick begegnete, kam er sich wie ein rechter Sünder vor.
    Dann freilich regte sich jener leichte Sinn wieder, der ihm ebenso im Blute
lag wie der dunkle Drang nach seinem Ziel. Es gab nun freilich nur noch eine
Hilfe für ihn: der Direktor in Czernowitz musste ihn aus seinen Barnower Ketten
befreien, aber dieser Mann tat es auch sicherlich! Und seltsam genug wuchs seine
Zuversicht desto mehr, je länger die Antwort auf sich warten ließ.
    »Warum schweigt er?« dachte er. »Weil der gute Mensch eine Beschäftigung für
mich sucht. Einen anderen Grund kann er gar nicht haben. Wollte er Nein sagen,
er würde mich darauf nicht warten lassen! Und bis er was findet, brauch' ich ja
nicht müßig zu bleiben: ich hab' ja die Bücher im Kloster! Freilich schneidet
mein Fedko mürrische Gesichter, wenn ich ihm keinen Schnaps zahlen kann, aber er
lässt mich doch immer hinein, und mit der Zeit wird mir der liebe Gott auch
wieder zu einem Fläschchen Slibowitz für ihn verhelfen! Und am Frieren kann doch
mir nichts liegen! Hab' ich als Kutscher bei Simche immer hinter dem Ofen sitzen
können?!«
    Nur eines machte ihm ernste, ja bittere Sorge: was er nun lesen sollte.
    Mit der »Emilia Galotti« war es schlecht gegangen, er hatte fast nichts
davon verstanden, mit dem nächsten Bändchen des »Theater von Lessing«, wie der
vergilbte Wiener Nachdruck betitelt war, dem »Philotas«, ging es gar nicht mehr.
    An die zehn Male musste er den Eingangsmonolog lesen, bis ihm eine Ahnung
davon aufdämmerte, in welcher Lage und Stimmung Philotas war.
    »Mir scheint«, sagte er vor sich hin, »dieser Philotas ist auch ein Soldat
wie der Tempelherr. Gut, da hab' ich nichts dagegen! Denn warum? Mit einem
Soldaten kann viel geschehen, ein Soldat lässt sich in einem Spiel gut machen.
Das letzte Mal hab' ich zu Purim (jüdische Fastnacht) auch einen Soldaten
gemacht, einen Oberleutnant, den ältesten Sohn von Haman, dem Judenfeind, der
sich aber bei den Juden gern Geld leiht - die Leut' haben sehr gelacht. Das hier
scheint ein ernster, ein trauriger Soldat - tut nichts - kann ich auch machen.
Aber was für ein Mensch ist er? Da kann ich bis jetzt nur so viel sehen, dass er
gewiss kein Jud' ist. Denn erstens hat ein Jud' noch nie Philotas geheißen, und
zweitens sagt er, dass er schon als kleiner Knabe von Waffen geträumt hat
