 hundert Taler den Amtmann und fühlte sich, was seine eigene Person
anbelangt, mit dieser Würde allenfalls zufriedengestellt. Für seine Kinder aber
wollte er höher hinaus, »dem Throne um ein paar Stufen näher«, und ein kluger
Kopf, wie er war, fasste er das Ding auch beim richtigen Zipfel: er sparte für
sie und ließ sie etwas lernen.
    Sie wurden daher der Dorfkameradschaft in Kantor Beifussens Schulstube
entrückt. Die Tochter, ein ungewöhnlich befähigtes Kind, bereiteten die kürzlich
aus der Fremde herbeigezogenen Freunde in der Pfarre so weit vor, dass sie, die
erste Bauerntochter unserer Gegend, nach ihrer Konfirmation in ein vornehmes
Institut der Hauptstadt aufgenommen werden konnte.
    »Denn siehst du, Mutter,« so sagte der Amtmann zu seiner Amtmännin, »siehst
du, was für die Grafentöchter in Bielitz drüben nicht zu gut ist, das ist für
unsere Brigitte allenfalls gut genug. Sie erben von ihrem Alten einmal einen
Sack voll Schulden, und unsere Brigitte erbt von mir zum allerwenigsten ein
Rittergut. Aber unter einem Baron tue ich es einmal für sie nicht.«
    Mutter Rosine hätte bei dieser Schlusswendung freilich gern mit dem Kopfe
geschüttelt, sie nickte aber doch, und ihr Amtmann brachte seine Brigitte zu den
Gräfinnen in die »Institution«, bei dieser Gelegenheit aber auch unter die Augen
der gutsherrlichen Exzellenzen, die bisher persönlich ihm unbekannt, durch
gewisse Beziehungen zu seiner Tasche indessen erwünschtermassen vertraut geworden
waren, und da in dem Worte »Erbe« ein anzügliches Medium liegt, tat durch dieses
persönliche Bekanntwerden die Vertrauteit einen mächtigen Vorwärtsschritt.
    Oder wäre Hilmar von Hartenstein, weil Geld und Gut ihm zu entschlüpfen
drohten, nicht ebenso, wie Brigitte Mehlborn eine Erbin war, ein Erbe gewesen,
ja mehr als ein Erbe, war er nicht im Genuss? Im Genuss eines alten, stolzen
Namens, des Glanzes, welcher von einem ruhmwürdigen Vater auf den einzigen Sohn
zurückstrahlt, im Vollgenuss der traditionellen Stattlichkeit, Ritterlichkeit,
Frohlebigkeit seines Geschlechts, ein Hartenstein par excellence? Sind diese
Erben eines Temperaments, welches die Gabe des Reichwerdens und selber des
Reichbleibens auszuschliessen scheint, nicht allemal auch die des Zaubers
liebenswürdiger Unwiderstehlichkeit? Und unchristliche, das heißt herzenshärtige
Gottesgeschöpfe sind sie beileibe ja auch keineswegs. Naturphilosophinnen, wie
Frau Hanna Blümel, wollen freilich behaupten, dass derlei kat'exochén
liebenswerte Lebeleute den Gegenbeweis liefern zu dem Gesetz, welches aus dem
Schlimmen häufig ein Gutes erwachsen lässt und dass durch ihre kavaliere
Liebenswürdigkeit weit mehr Übel und Weh über die Welt verbreitet worden ist als
durch die Langweiligkeit der sogenannten Philister samt und sonders; mögen auch
erst nachfolgende Geschlechter die bittere Hefe des süßen Weines zu verwinden
haben. Aber Brigitte Mehlborn war bei sechzehn Jahren noch keine Philosophin,
wennschon sie starke Anlage hatte
