 angegangen, hab ich müssen in meinen Kopf
hineinpressen. Das ist eine Pein gewesen; denn damalen haben mir meine Jahre und
Lebensumstände den Kopf schon hübsch vollgepfropft gehabt mit anderen Dingen.
    Eine siebenfältige Speiskarte ist mein Wochenkalender gewesen. Mein
Mittagstisch ist gestanden: Am Montag bei einem Lehrer; am Dienstag bei einem
Freiherrn; am Mittwoch bei einem Kaufmann; am Donnerstag bei einem
Schulgenossen, der ein reicher Tuchmacherssohn gewesen und mich zu sich in einen
Gasthof geladen hat. Am Freitag hab ich bei einem alten Obersten gegessen; am
Samstag bei sehr armen Leuten in einer Dachstube, denen ich dafür die Kinder im
Rechnen unterrichtet; und am Sonntag bin ich bei meinem Schutzherrn gewesen, dem
Vorsteher der Bücherei. Auch habe ich von all diesen Menschen Kleider an meinem
Leibe getragen.
    So ist es jahrelang gewesen. Da hat mich mein Dienstag-Tischherr für sein
Söhnlein zum Hauslehrer bestellt. Jetzt ist's schon besser gegangen. Zuerst habe
ich den armen Leuten in der Dachstube das Mittagsmahl nachgelassen, aber die
Pflicht empfunden, den Unterricht ihrer Kinder doch fortzusetzen. Ein weiteres
ist gewesen, dass ich einmal meinen Frack anziehe - der ist sehr fein und
vornehm, ist auch für mich nicht gemacht worden - und meine Muhme besuche. Meine
Muhme macht zierliche Bücklinge und nennt mich ihren lieben, sehr lieben Herrn
Vetter.
    Wie freudig ich auch anfangs d'rein gegangen bin in meinem Lernen, es ist
mir gar bald verleidet worden. Da habe ich vormalen immer gemeint, in einer
Gelehrtenschule würde man Himmel und Erde erfassen, und alles was darin ist, im
schönen Zusammenhange erkennen lernen; sie tun ja so, als ob sie das alles inne
hätten, die Herren Gelehrten, wenn sie in hoher Würde über die Gasse gehen. Das
hat mich sauber betrogen. Für einen, der nur studiert, um ein lustiger Student
sein zu können; für einen, der nur lernt, um dereinstmalen als »Gelehrter« zu
prangen oder als solcher sein Brot zu erwerben - für so einen mag diese
Gelehrtenschule taugen. Für einen nach wahrem Wissen und Erkennen Strebenden
aber ist sie ein erbärmlich Ding. Ein sehr erbärmlich Ding.
    Schöne Gegenstände sind auf dem Lehrplan gestanden. Schon in den unteren
Abteilungen haben wir Erdbeschreibung, Geschichte, Mess- und Grössenlehre,
Sprachlehre usw. gehabt. Die verkehrte Welt ist's gewesen. In der
Erdbeschreibung haben wir statt Länder- und Völkerkunde nur die Größe der
Fürstentümer und ihrer Städte vor Augen gehabt. In der Geschichte haben wir,
anstatt der naturgemässen Entwicklung der Menschheit nachzuspüren, spitzfindige
Staatenklügelei getrieben; der Lehrer hat allfort nur von hohen Fürstenhäusern
und ihren Stammbäumen, Umtrieben und Schlachten geschwätzt; sonst hat der Wicht
nichts gewusst. In der Messlehre haben wir
