 zu
binden. So musste sie denn arbeiten, bis sie so bleich wurde, wie sie jetzt,
etwas nach vorn gebeugt, vor Doroteen stand. »Aber am Sonntag solltest du dir
doch Ruhe gönnen!« sagte sie mitleidig.
    »Auf das hin«, antwortete Marie hüstelnd, »muss ich dir sagen, was ich schon
dem Doktor gerne gesagt hätte. Man darf nicht glauben, ich sei gern bei der
Stickerei gesessen, wenn meine Schulfreundinnen früher vor dem Hause sangen und
spielten, oder abends, wo es oft so lang währte, dass der Vater mich wach machen
musste mit einem greulichen Fluch.«
    »Hat der denn gar nie genug?« fragte Dorotee mit schlecht verhaltenem
Unmut.
    »Sei doch nicht bös über ihn, ich verdiene mir mit allem Fleiß nicht einmal
das tägliche Brot. Die meisten Stickerinnen sind hier nur so nebenbei, mehr zum
Zeitvertreibe, bei der Nadel. Sie kümmern sich daher auch nicht viel um den
Lohn. So behält der Lieferant den Wurf in der Hand, und unsereins kann nichts
Besonderes anfangen, wenn seine Arbeit auch mehr wert wäre als die von
Stickerinnen, deren Hände an viel rauhere Arbeiten gewöhnt sind. Kaum einmal
bekomme ich so feine Arbeit, als ich mir wünschte. Nur in der letzten Zeit hab'
ich etwas für eine Ausstellung machen müssen. Ich bin dem Herrn in der Schweiz
drüben dankbar, dass er mir so schöne Arbeit überließ, wenn ich auch täglich nur
zehn Kreuzer verdiente. Ich hab' einen großen Fleiß gehabt und glaube, dass die
Arbeit ihm Ehre machen werde.«
    »Und hast du nichts als täglich zehn Kreuzer?«
    »Und in der Nacht noch zehn, wenn ich arbeite, bis mir alles vor den Augen
herumtanzt.«
    »Es ist ein Elend!«
    »Heut unter dem Gottesdienst ist es mir gewesen wie damals, als die Kinder
vor dem Hause spielten. Ich bin mir vorgekommen als eine, die an nichts auf der
Welt ein Recht hat.«
    »Leidet ihr denn wirklich Not?«
    »Ja, Hunger!«
    »Hunger?« fragte Dorotee erschrocken. Was waren dagegen ihre kleinen,
meistens nur eingebildeten Leiden und Sorgen! »Großer Gott!« rief sie aus, »ich
helfe doch, soviel ich kann!«
    »Davon sagt auch niemand; aber wir beide verdienen nicht viel, und Hansjörg
steckt alles nur in seinen Handel und sagt, dass er sich schon einmal für uns
habe verkaufen lassen. Ja, Schwester, der Friede fehlt - und damit der Segen
Gottes und alles. Die beiden reden vielmal gegeneinander, dass ich in den Boden
versinken möchte oder gleich davonlaufen, wenn ich nur wüsste, wohin.«
    »
