
Reich zu übersehen, dem bietet nur die Bildung einen Notsteg mit schützendem
Geländer.«
    »Man denkt gern an die Jahre des Lernens«, sagte der greise Pfarrer
lächelnd. »Man bekommt noch spät beim Gedanken an die damalige Tatenlust neuen
Mut. Ich hab' noch in Konstanz studiert und könnte lang erzählen, welche Klüfte
zu überbrücken ich da einem Gebildeten zugetraut hätte. Aber wir wollten davon
reden, was denn auch jetzt beim Studieren herauskäme außer Lateinischem und
Griechischem. So ein armer Tropf wie der Jos müsste Geistlicher werden wohl oder
übel, denn beinahe alle Stipendien sind nur unter dieser Bedingung zu gewinnen,
und ein Weltlicher kann überhaupt nur schwer Unterstützung finden. Das Volk ist
nun einmal schon so.«
    »Wissen Sie, warum?«
    »Ich hab' in Konstanz studiert und brauche wenigstens mir selber da nichts
vorzuwerfen. Gut! Unser Mann kommt also nach Brixen.«
    »Warum gerade nach Brixen?«
    »Er muss die echteste Lehre haben, um so bald als möglich einen ordentlichen
Platz zu bekommen, wo er sich wenigstens ohne Schulden durchbringt. Der Arme
wird immer auf Unterstützung sehen müssen, und es ist dafür gesorgt, dass er sie
nicht überall findet. Der, dem sein Wissen eine Art Selbständigkeit gibt, mag
sich mit dieser behelfen, so gut er kann, oder aus der Not eine Tugend machen,
wenn man kleinlichen Beamtenehrgeiz und Veräusserlichung Tugend nennen will wie
unser Kaplan, der sich am Schluße jedes Jahres öffentlich auf der Kanzel damit
grosstut, unter seinen Amtsbrüdern im Verhältnis zur Zahl der anbefohlenen
Schäflein am meisten Hostien verbraucht zu haben. Fragt man, ob nun mit den
vielen Beichten auch Besserung, mit den unzähligen Liebesmahlen auch Liebe ins
Dorf gekommen sei, so sagt euch der immer zur Rede, aber nie zur ordentlichen
Antwort bereite Mann, es sei ihm auch gelungen, den Söhnen sterbender Väter noch
ein paar fromme Stiftungen vor der Nase wegzuschnappen.«
    »Sie sehen schwarz, ich habe doch auch studiert.«
    »Aber nicht so arm und abhängig nach rechts und links, wie so ein armer
Tropf es tun müsste. Drum glaub' ich trotz allem Schönen, was man mit Recht von
der Bildung sagt und von den Brücken, die sie bauen soll, für einen wie den Jos
ist's besser, wenn er hier für Kopf und Hand Beschäftigung findet« Jetzt rückten
auch Hans und der Vorsteher etwas näher zum Tisch, wie Spieler, die nach langem
Harren und vergeblichem Hoffen wieder einmal eine gute Karte zum Mittun
bekommen. Hans hatte sich eine Weile mit der Vorstellung zu versöhnen bemüht,
dass Jos noch ein Vierteljahr, dreizehn lange Wochen liegen, er unterdessen ohne
den Knecht sich behelfen oder einen anderen anstellen solle.
