 unserer Liebe. Allerdings lehrt uns der
Instinkt, zu stechen, wo wir gestochen werden. Sticht uns ein Grösserer, stechen
wir den Kleineren. Dagegen ist nicht anzukämpfen, es ist das Naturgesetz der
Kreatur. Wo wir's überwinden, ist Unnatur; die Verweichlichung der Moral, die
wir umsonst Religion taufen, es bleibt Verkehrtheit, die sich rächt. Aber nur
nicht aus Hass, Erbitterung; wir spielen mit Tod und Leben, wie man mit uns
spielt; die Folterschrauben, die man uns ansetzt, probiren wir an Andern, um zu
erfahren, wie viel ein Mensch aushalten kann. Das führt zu einem Ziele; der Hass
ist immer eine irrationale Potenz, die ins wüste Blaue treibt, wo Niemand das
Ende absieht. Pfui, Blutrache! pfui, das alte mosaische: Zahn um Zahn! Wem hat
es genutzt, und alles Unnütze ist Verbrechen. Dagegen begreife ich wohl, was der
Alltagsmensch Rache nennt, und was doch weiter nichts ist, als der Schuss nach
einem Ziele. Napoleon hat Palm erschießen lassen. Er hat Recht getan, man soll
ihn fürchten. Die Schriftsteller sollen sich nicht unterstehen, ihn unangenehm
zu kitzeln. Das Recht hat Jeder - sich furchtbar, sich gefürchtet zu machen.
Aber mit Klugheit, mit Vorsicht es benutzt! Nicht Jeder ist Napoleon, aber Jeder
kann wie die kleine Spinne aus seinen eigenen Säften ein Netz sich weben, um Die
zu fangen und zu verderben, die sich in seine Region drängen. Haben Sie einmal
die Spinne beobachtet? Es ist für mich ein furchtbares Tier. Da liegt sie
still, zusammen gekauert, ich möchte sagen, fromm, im Zentrum ihres Kreises, sie
scheint zu schlafen, aber sie ist nur pensiv, sie brütet über ihr ungerechtes
Loos. Warum gab die Natur den Fliegen, Bremsen, Mücken, Wespen Flügel? Sie
flattern, spielen in den Lüften ein gedankenloses Spiel, sie naschen an den
Blumen, sie schlürfen den Mondenschein. Die Spinne ist stiefmütterlich
behandelt, sie, die arbeitsame, denkende Schöpferin, muss an Mauern kriechen, in
Winkeln ihr Gehänge spinnen, aus ihrer besten Kraft, nur um sich zu halten, zu
existieren. Sie ist gescheut, verachtet. Soll sie nicht dem Schicksal, dem
ungerechten, zürnen, nicht Grimm im Herzen tragen! Beim Allmächtigen, meine
Freundin, welcher Gerechte fordert das von ihr! Sie fügt sich in das
Unabänderliche, sie wartet und lauert; einmal kommt doch der Augenblick, um das
Gefühl der Rache zu kühlen. Dann - auch dann stürzt sie noch nicht wie eine
Harpye auf ihr Opfer los. Sie scheint fortzuschlafen, bis der unbesonnene
Wildfang sich in das Netz verwickelt hat, strampelt. Dann - Was ich
