 und Vrenelis Seele mit Wehmut.
    Vreneli hatte, wie wir wissen, aristokratisches Blut in seinen Adern und
einen nobeln Sinn, wie er einer wahren Bäuerin so wohl ansteht und ihr eine
Bedeutung im Volksleben gibt, welche selten ein Mann erringt. Drei Dinge hat so
eine Bäuerin: einen verständigen Sinn, einen goldenen Mund und eine offene Hand.
Ein gut, mild Wort tut einem armen Weibe, welches nur an Schelten und harte
Worte gewöhnt ist, viel besser als eine schöne Gabe, und ein verständiger Rat
ist oft weit nötiger als ein reiches Almosen. So ein »Chumm mr zHülf« in aller
Not ist ein Posten, der weder erschlichen noch ererbt werden kann, er wird aus
freier Wahl nach Verdienst vergeben. So war es auch Vreneli allmählich gegangen.
Die Weiber der Tagelöhner, anderer Arbeiter usw. hatten sich ihm allmählich
zugewandt, da es häufiger mit ihnen in Verkehr kam als die Mutter, auch rüstiger
Hand bieten konnte an einem Krankenlager oder wenn eine Kindbetterin in Nöten
war. Begreiflich nahm dieses Amt etwas Zeit hinweg und noch allerlei anderes,
wenn man zum Beispiel im Küchenschrank einer Wöchnerin nicht so viel fand, um
eine stockblinde Suppe zu machen, und im ganzen Häuschen kein Hüdelchen groß
genug, den kleinen Staatsbürger darein zu wickeln.
    Seit der ersten Ernte hatte Uli nicht viel mehr gesagt. Vreneli nahm sich in
acht, tat verständig, das heißt nicht reicher, als sie waren, schonte Uli
bestmöglichst und suchte ihm doch wirklich nichts geflissentlich zu verbergen.
Es gibt nicht leicht was Schlimmeres, als wenn die Weiber sich gewöhnen, des
Mannes Rücken lieber zu sehen als sein Gesicht, als ihren besten Freund, der
ihnen nichts ausplaudert. Nun aber, da das Jahr ein mageres war, wenn auch kein
eigentlich Fehljahr, die Brünnlein alle versiegt schienen oder spärlich flossen,
ward Uli ängstlich. Wird einer aber ängstlich, spitzt er Augen und Ohren, und
was er fürchtet, sieht und hört er all, überall. Fürchtet einer das Feuer, so
riecht er allenthalben Rauch, hört Flammengeknister, träumt vom Verbrennen.
Fürchtet einer Gespenster, so kriechen ihm solche aus allen Gräbern nach, gucken
durch alle Zäune, reißen ihm regelmäßig alle Nächte das Deckbett vom Leibe. Wird
einer mit der Eifersucht behaftet, fürchtet, seine Frau kriege die Untreue, so
wird ihm alles gefährlich, Katzen, Spatzen und Zaunstecken, und sieht er eine
Mannsperson durchs Fernrohr, greift er nach Säbel und Pistolen und schreit:
»Jetzt weiß ichs und habs endlich klar, und jetzt muss mir der Donner erschossen
sein; hilft es dann nicht, so schlage ich ihm mit dem Säbel Kopf und Beine ab,
und wenn das noch nicht hilft, vergrabe ich den Hund schließlich
