 wohl gar eine
freundliche Gewohnheit; die Leiden, welche sie äußerlich treffen, sind ihnen
vielleicht nicht härter, als diejenigen, welche die Wohlhabenden und Reichen
geistig empfinden und in ihrem Herzen durchzukämpfen haben.«
    »Und so ist es auch,« unterbrach sie ihre Mutter, »diesen Leuten ist nicht
Entbehrung, was uns so scheint - sie sind in vielen Dingen glücklicher, der
Hunger würzt ihr Mahl, von der Arbeit ermüdet schlafen sie auf hartem Lager
besser, als wir auf weichen Polstern, der Feierabend gibt ihnen genussreiche
Stunden, die gewiss so wohltuend sind, dass wir uns gar keinen Begriff davon
machen können.«
    »Gewiss,« nahm Aarens das Wort, »es ist Nichts als wahre Sittenverderbniss,
was den Pöbel unzufrieden machen kann; Faulheit, Trunksucht und Ausschweifungen
aller Art sind die Ursachen des Elendes, welches sich öffentlich zur Schau
stellt, um unsere Augen auf sich zu ziehen, unser Mitleid zu erregen, damit wir
ihm die Mittel geben, ein sittenloses Leben fortzusetzen.«
    Elisabet nahm hastig wieder das Wort, das man ihr vorher abgeschnitten
hatte, und sagte: »Ach nein, nein! Jetzt weiß ich es anders! Wir brauchen hier
nicht weit umzuspähen, um die Not der untersten Klassen in ihrer ärgsten
Gestalt zu erblicken - und seitdem ich sie gesehen, seitdem hab' ich mich oft
Hundert Mal gefragt, was es denn eigentlich sei, das diese Unglücklichen noch
dazu vermöge, freiwillig die härtesten Arbeiten zu verrichten, da sie für ihren
geringen Tagelohn sich doch nie eine glückliche Stunde kaufen können. Das
Gewissen? Die Moral? - Kann das Menschen zurückhalten, deren Sitten man so
verdorben schildert und die man wirklich entsittlicht hat? Und wenn sie
tagtäglich gegen sich unrechte Bedrückungen erfahren, könnten sie dann nicht
einmal sagen: Wenn Jene gegen uns unredlich sind, warum wollen wir es nicht
wieder gegen sie sein? - Und seitdem ich mir dies gesagt habe, seitdem überfällt
mich oft ein entsetzliches Grauen - denn wenn sich der Pöbel entfesselt und
aufsteht, welche Schrecknisse werden dann über uns Alle hereinbrechen? - Und Sie
sagten: es sei wirklich geschehen?«
    Jaromir antwortete, indem seine Augen bewundernd in Liebe und Stolz an
Elisabet hingen: »Noch ist weiter Nichts geschehen, als dass ein paar Hundert
Eisenbahnarbeiter einen erhöhten Lohn fordern und unterdessen Nichts getan
haben, als ihre Arbeiten friedlich eingestellt - das ist ja noch keine Empörung.
Vielleicht ist es ein wohltätiges Warnungszeichen für alle die, welche die
Macht hier zu helfen oder zu bedrücken in den Händen haben, dass es besser sei,
den armen arbeitenden Klassen freiwillig Koncessionen zu machen, ehe sie einmal
in wilder Raserei den Versuch machen sollten, die Ordnung der Dinge umzukehren
und sich reich
