
täglicher Spazierritt,« sagte er, »um zugleich jeden neuen Ankömmling mustern zu
können und zu erfahren, wie er die göttliche Romantik dieses Ortes findet, mit
welcher Ihre Schilderungen ihn so reichlich versehen haben. - Dort sitzt ja ein
ganzer Klubb - lassen Sie uns die Gesellschaft erst aus der Ferne in Augenschein
nehmen. Lorgnetten heraus! Dort das rotbackige Gesicht des Engländers mit dem
großen Mund, der die verhältnismäßig gleich großen Vatermörder zu küssen
scheint, kennen wir schon - er behauptet ewig dieselbe stereotype Figur - er
sitzt allein und liest in einem Buche. Mein Himmel! Was muss der Mensch nicht
Alles schon zusammengelesen haben, wenn er's immer so treibt wie hier - ich habe
ihn noch niemals anders als lesend gesehen, ich kann mir ihn auch gar nicht
anders vorstellen. Wie jene Wilden, welche, als sie die ersten Reiter sahen,
glaubten, Mensch und Ross wären ein Wesen, so scheint mir der Engländer mit
seinem Buch durchaus ein Ganzes zu bilden. Den eleganten Herrn mit den gelben
Glacehandschuhen und der roten Sammtweste kenne ich und werde Sie nachher
einander vorstellen. Es ist ein Kammerjunker von Aarens, der sich nur
Kourmachens halber hier aufhält - er ist nämlich hierher gegangen, weil er den
Grafen Hohental kennt und eine reiche Partie beabsichtigt - er ist seit einer
Woche hier und schon sehr oft in dem benachbarten Schloss gewesen.«
    Jaromir hatte zuletzt aufmerksamer als Anfangs zugehört, den eben
Besprochenen mit prüfenden Blicken gemustert und sagte jetzt ruhig: »Der Mensch
sieht sehr unbedeutend aus.«
    »Was ihn aber bedeutend machen kann, ist ein alter Name, bedeutendes
Vermögen und große Gunst, welche er an seinem Hof genießt. Den Herrn zwischen
ihm und unsern Doctor, eben so lang und dürr wie dieser, aber mit einer so
ausgesucht malitiösen Miene, kenne ich nicht, es muss ein neuer Ankömmling sein.
Der Geheimrat von Brodenbrücker daneben hat sich bis jetzt schrecklich
gelangweilt, er ist aus Gefälligkeit für seine Frau, welche vollkommnes
Pantoffelregiment geltend macht, hierher gekommen, denn sie will nämlich gern in
jeder Mode den Ton angeben und hat sich es deshalb nicht nehmen lassen, krank zu
sein und von einem gefälligen Arzt in eine Wasserheilanstalt geschickt zu
werden. Sie scheint eine sentimentale Kokette zu sein, bei welcher man sich
Etwas erlauben darf. Nun kommen Sie, ich stelle Sie den Herrschaften vor, Ihr
Name wird frappiren, wenn ihn nicht etwa der Doctor schon ausgeplaudert hat.
Bemerken Sie wohl, welche schmachtenden Blicke die Geheimrätin auf uns wirft -
ich glaube, es ist ihr lange nicht so wohl geworden, die einzige Dame in einem
Badeort zu sein.«
    Waldow trat jetzt mit Jaromir zu der Gruppe und stellte diesen vor:
    »Graf Jaromir
