
keines Dinges bemächtigen kann, sondern nur von allem überwältigt wird. Ich habe
überhaupt einen entsetzlichen Widerwillen gegen die Empfindsamkeit, denn sie
wird über nichts empfindlicher, als wenn man sie für eine Kränklichkeit erklärt,
da sie eine Feinheit der Seele sein will. Was ich aber unter Empfindsamkeit
verstehe, wirst Du wohl wissen. -
    Nichts vor ungut, Du weißt, dass ich Dich vernünftig liebe und es gut meine.
    Es würde mich freuen, wenn Du etwas Geschichte läsest, und außerdem meistens
Goethe, und immer Goethe, und vor allem den siebenten Band der neuen Schriften,
seine Gedichte sind ein Antitodum der Empfindsamkeit. Aber als Geschichte rat
ich Dir Müllers Schweizergeschichte, es ist etwas Himmlisches, ich glaube,
Leonhardi hat sie. Es sind zwar einige dicke Bände, aber desto länger dauert die
Freude, setze Dir täglich ein paar bestimmte Stunden, wo Du drinnen liesest. -
Wenn Du Dich meines heftigen Unwillens erinnerst, den ich in Offenbach hatte, so
oft ich alberne Bücher bei Dir fand, so wirst Du mir das Recht zugestehen, mich
sehr zu beklagen, dass Du jetzt vermutlich alles lesen magst, was Dir vorkommt.
Überhaupt ist es mir sehr verdrießlich, dass Du mir nichts von Deiner innern
Bildung schreibst, mich nicht fragst, was Du lesen sollst und dergleichen. Was
soll alles Phantasieren über dies und jenes, was nun einmal so ist, wie es ist.
Besser wäre es, wenn Du Dein Vertrauen zu mir so benütztest, dass Du mir Einfluss
in Deine Bildung gönntest. - Dass Du mich über alle Lektüre um Rat fragtest - und
dergleichen. -
    Um eins bitte ich Dich noch in Deinen Briefen, nämlich gebe mir immer
Nachricht, sobald irgend etwas Bedeutendes bei Euch vorfällt, von jeder Reise,
sobald Du davon erfährst. - Meine Briefe an Dich zeige niemand, mit solchen, die
betrübt sind, wie immer ohne Ursache, habe Mitleid mit ihnen, suche aber nicht
etwa sie zu trösten, indem Du, beim Lichte besehen, in dieselbe erbärmliche
Stimmung Dich herabsinken lässt und auch betrübt wirst. Der Umgang mit solchen
Leuten ist deprimierend und zerstört alle Kraft in uns. Dass Du übrigens dieses
nicht so wörtlich nimmst wie Eulenspiegel, hoffe ich. - Du könntest mir einen
großen Gefallen tun, wenn Du, doch ohne Übereilung oder Faulheit, mir ein halb
Dutzend leinene Stiefelstrümpfe stricktest, aber nichts weniger als fein,
sondern nur stark und derb. Toni wird so gütig sein, Dir das Garn nach Offenbach
zu besorgen. Auch höre ich gar nichts mehr von Lulu und Meline, es tut mir leid,
dass Du von diesen Deinen treuen Gespielinnen gar nichts zu schreiben weißt.
Schicke mir doch mit umgehender Post einige Lot der besten
