 der Mitmenschen ihre Säure. Nur da, wo der
Gesichtskreis sich verengert, so dass man das Gute nicht mehr sieht, sondern nur
das Böse, wo das Gefühl sich schärft für das Unbeliebige und in gleichem Masse
der Sinn abnimmt für das Dankenswerte, nur da ist das Unglück fertig und der
Abgrund öffnet sich, aus welchem als grauenvolles Gespenst die Zwietracht
steigt. Wie der östreichische Soldat auf die Haselbank, ist der arme Mensch mit
seinen eigenen Gedanken fast wie mit seinen Haaren gefesselt an das, was ihn
drückt, beschwert, kann nicht mehr loskommen, stöhnt, klöhnt, zappelt, zanket,
webert, wimmert, aber alles umsonst, er ist angeschmiedet mit Fesseln, gegen
welche keine Feile hilft. Menschen können ihm nicht helfen, und Gott will es
nicht, denn wer sich hinstreckt auf diese Bank, der hat auch von Gott gelassen.
    Christen und Änneli waren also allerdings glücklich und auf dem Wege zu noch
größerem Glück, weil sie sich und ihr Geschick wogen mit der Wage der
Dankbarkeit, welche der Mensch Gott schuldig ist.
    Nun geschah es freilich auch, dass dem Einen oder dem Andern ein empfindlich
Wort entfuhr, aber so verblümt, dass es unter vielredenden Stadtleuten nicht
einmal beachtet worden wäre. Dass Christen zum Beispiel sagte, wenn Änneli es
anbot, ein Schnäfeli Fleisch ihm ins Hinterstübli zu stellen: »He, es ist mer
gleich, wenn du noch hast.« Das fühlte Änneli schon als Trumpf, weil sie das
Bewusstsein hatte, dass sie allerdings aus Erbarmen manches weggegeben, was
Christen auch genommen und vielleicht vermisst hatte. Wenn aber Christen so
drehte und an nichts hin wollte und seine vielen Leute im Taglohn, aber nicht an
der Arbeit hatte, so gramselte es Änneli wohl in den Gliedern und es entfuhr ihm
die Frage: Wenn sie nichts zu tun wüssten, so wollte es sie an den Kabis
z'bschütten reisen. Christen empfand das übel, weil er wohl wusste, dass sie viel
genug zu tun hätten, wenn er nur daran hin könnte, und dass seiner Frau so viele
Leute, welche nichts täten und doch Lohn und Essen wollten, katzenangst machen
müssten.
    Solche Worte kamen freilich selten, aber hier und da entrannen sie doch. Es
wurde darüber nicht geeifert und gezankt, wie es zuweilen unter hochgebildeten
Leuten der Fall ist, dass vor aller Welt um einen halben Birnenstiel Mann und
Frau sich zanken, bis die Frau in Krämpfe fällt oder gar in Ohnmacht. Das,
welches den Trumpf erhalten, schwieg, wenn es ihn schon tief fühlte und er ihm
weh tat. Doch wie tief er auch ging, lang haftete er nicht, er eiterte nicht.
Hauptsächlich waren es zwei Gründe, welche es verhüteten,
