 eine wunderliche Sache. In gewisser Beziehung würde
man ihnen das größte Unrecht antun, wenn man sagte, das wären auch Ohren, die
nicht hörten. Denn diese Ohren hören zuweilen auf hundert Schritte, sogar durch
verschlossene Türen und solide Wände, und von dem, was sie so hören, vergessen
sie nichts; dann gibts wiederum andere Sachen, welche nicht zu diesen Ohren ein
wollen. Es gibt Dinge, man kann sie ihnen hundertmal des Tages sagen, am
folgenden Morgen wissen sie nichts mehr davon und sagen sie auch nie wieder.
Kuriose Ohren sind Dienstenohren!
    Aber nicht nur Diensten redeten, auch Annelisi klagte zuweilen einer
Freundin ihr Leid, wie es nicht mehr auszuhalten sei daheim, und es wäre ihr
zuletzt recht, den ersten Besten zu heiraten, wenn sie nur daheim wegkäme. Aber
sie solle es bei Leib und Sterben niemand sagen. Die Freundin sagte: »Was denkst
du doch, und wenn man vier Rosse ansetzte, kein Sterbenswörtchen brächte man aus
meinem Munde.« Und kaum war sie heim, so sagte sie: »Mutter, dort drüben gehts
strub zu, ds Annelisi hat es mir selbst geklagt, für viel Geld möchte ich nicht
im Hause sein. Ja, auf my armi, wenn mich jetzt einer von den Buben schon
wollte, sie könnten mir küderlen.« Der Versuch wäre jedoch nicht ratsam gewesen.
    Christeli konnte sich ebenfalls nicht enthalten, wenn er getrunken hatte,
anzügliche Worte fallen zu lassen, und wenn er seine melancholische Laune hatte
und sich vernachlässigt glaubte, dann war sein Herz noch offener. Ja auch die
Bettler, welche Guttaten empfingen aus Ännelis Händen, schnappten Worte auf und
vergaßen fast zu danken für die erhaltene Gabe, aus Eifer und Hast, das
aufgeschnappte Wort weiterzutragen.
    Man findet oft auf wüsten Inseln Gewächse blühen aus fernen Zonen, und es
können die Menschen es nicht fassen, wie die Gewächse auf die einsame Insel
gekommen, bis irgend ein Gelehrter sich ihrer erbarmet und mit gelehrtem
Gesichte ihnen erzählt, wie Blumenstaub fliege in der Luft herum und dieser
Blumenstaub sich hänge an eines Vogels Flügel oder Beine. Nun geschehe es oft,
dass diese Vögel durch mächtige Winde verschlagen würden weithin über den
unermesslichen Ozean. Dann würden sie müde, und wo sie festen Boden erblickten,
ruhten sie. Nun falle der Blumenstaub ihnen von den Füßen, keime, sprosse, und
nach wenig Jahren sei auf der wüsten Insel ein blühend Leben. Dem fliegenden
Blumenstaube gleichen alle Worte; sie sind Geister der Lüfte, fliegen im Winde,
hängen in Menschenohren sich, lassen sich tragen, wohin ihre Fuße gehen, lassen
sich absetzen, wo sie stehen und sitzen, keimen und wuchern, und wer sie
hergetragen, vergisst man. Wer
