 zu holen. Dann
gibt es aber auch Leute, welche den Gugger im Leib haben, Predigten anzubringen;
die lassen sich, wie bekannt, an Sündern am bequemsten applizieren. Erwachsenen
Personen kann man nun so mit Anstand doch nicht jede Kleinigkeit vorhalten, die
Anlässe zum Predigen fänden sich selten, wenn sie nicht glücklicherweise
zuweilen unwohl würden. Merkt man nun so etwas an ihnen oder klagen sie gar, so
ist dies die prächtigste Gelegenheit, die bekannten Sprüchlein anzubringen: »Han
drs nit scho mängist gseit, lue, jetzt hesch es, du wotsch mr geng nüt glaube,
aber mira, ih cha schwyge, ih will nüt meh säge, du wirst es welle zwänge, he nu
so de, i Gotts Name, wenns ha witt, su häbs, aber nume gib de mih nit dSchuld.«
Es gibt Leute, denen man so aufwarten muss, aber wie gesagt, es gibt Leute, die
allen so aufwarten und die, wenn man ihnen alles mit der größten Sorgfalt
verheimlicht, dass sie gar keine Predigt anbringen können, an einem schönen
Morgen so anfangen: »Hör, ich muss dir einmal was sagen, wird nit scho
ungeduldig, es ist dy Sach und ih chönnt eigetlich schwyge, wenns mr nit um dih
wär. Du darfst das gewiss nicht mehr so gehen lassen, du musst abführen oder sonst
etwas machen.« »Aber es fehlt mir ja nichts«, ergeht die Antwort. »Eben das
ists, was mir Kummer macht. Es fehlt dir sonst von Zeit zu Zeit etwas und jetzt
so lang nichts mehr. Das ist nicht gut, du hest nit Sorg gnue, u lue, ih säge dr
jetzt zur rechte Zyt, lue wasd machst, gwüss gits öppis Bös drus, was, chan ih dr
nit säge, ih bi kei Dokter, aber öppis gits. Und drum tue drzue, ds Marei geiht
dStadt ab, es chönnt dir doch die Laxierig la rüste, wo dr geng so wohl ta het.«
    Solche Gäuggle waren freilich Ännelis Leute nicht, aber hätten doch
vielleicht nicht gedacht, dass man geschehenen Dingen z'best reden solle, hätten
gesagt: »Mutter, warum meinst auch, du seist noch zwanzigjährig. Mutter, warum
glaubst niemere nüt und vertrauist üs nüt a!« Änneli verbarg daher, dass zum
Kopfweh, zur Mattigkeit noch Bauchweh kam, ein Durchfall begann; so geheim als
möglich machte es sich Tee, und da es ihn nur trank, wenn es niemand sah, so kam
es selten genug dazu. Endlich merkten es aber Annelisi und Christen. »Los,
Muetter, es fehlt dir; wo hets, sägs doch, du bist nit zweg.« Es sei
