. Poesie ist immer
echter Stil, da sie nur in harmonischen Wellen dem Geist entströmt, was dessen
unwürdig ist, dürfte gar nicht gedacht werden, oder vielmehr darf alles Ereignis
den Geist nur poetisch berühren, sonst leidet er Abbruch, wie ich das heute
morgen habe erfahren müssen, wo mir von Hanau eine veraltete
Familien-Schuhmacherrechnung von 17 Flr. zugeschickt wurde, die ich nicht
bezahlen kann, meine Verlegenheit poetisch aufzulösen, schicke ich Dir den
kleinen Apoll als Geisel samt Türkheims Lorbeerkranz, gib mir das Geld.
    Wenn Du einige Stunden in der Geschichte genommen hast, so schreibe doch
darüber; besonders in welcher Art Dein Lehrmeister unterrichtet, und ob Du auch
rechte Freude dran hast. - An dem Märchen hab ich die Zeit sehr fleißig
geschrieben, aber etwas so Leichtes, Buntes, wie mein erster Plan war, kann ich
wohl jetzt nicht hervorbringen; es ist mir oft schwer zumut, und ich habe nicht
recht Gewalt über diese Stimmung.
    Grüße den Klemens, wenn Du schreibst, ich denke daran ihm zu schreiben und
warte nur den Moment ab, wo mir's wieder leichter ist, damit ich ihm mit gutem
Gewissen seinen Unmut und seine Launen vorwerfen kann.
                                                                        Karoline
 
                                An die Günderode
Geld liegt im Pult am großen Spiegel, in der dritten Schublad links, in den
andern Schubladen liegt aber auch vielleicht noch, zieh alle Schubladen ganz
heraus, ob etwas dahinter gefallen ist. Der Schlüssel liegt unter dem
Blumenkasten auf der Altan, wo die Kapuzinerblumen stehen, den Apoll halt rein
vom Staub, und dass ihn die Fliegen nicht bedippeln mit samt dem Lorbeerkranz;
und vom Stil weiß ich nichts als von Dir, nichts Überflüssiges, nur was zur Sach
gehört, sollt ich schreiben. Ich hab meinen Brief verputzt wie beim Apfelbaum,
alle Raupennester und Zweige ohne Fruchtkeime ausgebrochen, bis er ganz kahl
war. - Man soll von jedem unnützen Wort Rechenschaft geben, geschrieben kann man
nicht ableugnen, so muss man sich zusammennehmen. Der Mensch empfängt den Geist
mit Gedanken und Worten, es sind die Gemächer, in denen er ihn herbergt, die
Ehrengewande, die er ihm umlegt, aber die müssen durchsichtig sein und knapp
anliegen und die Räume einfach; denn was er nicht ausfüllt, das verbaut ihn. Ich
merk als, dass die Menschen sehr dumm sind und fürchterliche Umwege machen ums
Zentrum, ja, mir scheint jede Wahrheit ein Zentrum zu sein, das wir nur
umkreisen, nie berühren. Gestern musst ich der Großmutter aus dem Hemsterhuis
vorlesen, sie sagte: »Das ist ein herrlicher Gedanke«, und legte mir eine
Pfeffernuss drauf, da kam mir dieser Gedanke.
                                                                       Am Montag
Der Geschichtslehrer kommt dreimal die Woch, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag,
