 kein
Gelehrter, Schriftsteller oder Sprachforscher, aber ich habe denn doch auch, wie
der beste, meine eigenen Grillen und mir auf meinem Wege so manches
herausgegrübelt. Wir gehen mit unserer lieben deutschen Sprache barbarisch um,
machen nirgend Unterschiede, oder unterdrücken sie gar da, wo sie sich schon
finden. Bedenken, Erdenken, Denken und bedenklich hängt genau zusammen; die
Sache ist noch nicht fertig, und darum sage ich: Ich bedenkete, es ist bedenket.
Aber wenn es nun fertig ist und unwiderruflich, dann heißt es: Es ist bedacht.
Merken Sie wohl? Fertig ist es, und ein Dach darüber gegen Sturm und Regen, nun
kann es nicht wieder verdorben werden. Ein Gedachtes, Bedachtes kann niemals
wieder etwas Bedenkliches werden. So ist es auch mit unsern Reimen. Sie würden
uns niemals wohlgefallen, die ganze Dichterei hätte sich niemals auf diesen
Widerton und den angenehmen Gleichlaut begründen können, wenn nicht ein geheimer
Zusammenhang in Klang und Gedank wäre, so wie in Ranken, Schwanken, Danken,
Wanken, Gedanken, Erkranken, Sanken, Banken.«
    Leonhard lächelte und sagte: »Auch Gestank und Gedank reimt.«
    »Richtig«, fuhr der Alte fort, ohne sich irremachen zu lassen: »es lässt sich
auch oft mit Gedanken so lange hantieren und wirrwarren, bis das an sich
Richtige endlich zum Widerwärtigen ausschlägt. Das erleben wir ja alle Tage.«
    Leonhard war über den kleinen alten Mann in Verwunderung, dem er so viel
Eigenheit und seltsame Philosophie nicht zugetraut hatte. Der Kammerdiener
erriet seine Gedanken und sagte sehr freundlich, indem er in sein runzelvolles
Gesicht noch mehr Falten hineinzog: »Ja, mein junger Herr Professor, wir haben
so unser eigenes Wesen und mancherlei Vorstellungen. Man kann das Denken nicht
immer unterlassen, wenn man auch sonst kein Wohlgefallen daran hat. Man ist oft
allein, man ist krank, und Krankheit ist der allerbeste Schulmeister und auch so
geduldig und so unermüdlich. Von jungen Leuten habe ich wohl manchmal gehört,
wenn sie so die eigentliche Schulphilosophie studierten: Ja, unser Meister, sein
Werk, sein System klärt uns doch über alles auf, über das ganze Leben, und es
kann nichts vorkommen, was uns nach diesem herrlichen System nicht durchaus
verständlich wäre. - Wissen Sie, wie mir das vorgekommen ist? - Sehen Sie einmal
die hübsche Fussdecke an, hier die vielen Vierecke, Rosetten, Bogen, Punkte; wenn
man so nachdenklich sitzt, so kann man sich alle diese Figuren bald in größere,
bald in kleinere Verbindungen und Verhältnisse setzen. Nun mache ich ein
Dreieck, jetzt ein Viereck, ein Achteck, einen Kreis, oder was ich will. Auch
kreuzweis, rechts, links,
