 sagte: »Nein, so weit muss
deine Schwermut nicht gehen, dass du deinen Freunden unrecht tust, du versündigst
dich damit. Man muss dich schwer verletzt haben, dass es dir möglich ist, so
unbillig zu sein.«
    »Nein! nein!« rief Albertine heftig, »du irrst dich, mein Herz, und so lass
uns denn lieber von anderen Dingen sprechen. Wie hast du dich auf dieser Reise
unterhalten?«
    »Angenehm genug«, erwiderte die Kleine; »denn erstlich haben wir einander
näher kennengelernt, dann habe ich viel Neues gesehen, eine Oper, die mir fremd
war, und ein neues Lustspiel, das Museum, die vielen Gemälde, die große
Wachtparade, und was dann noch außerdem an der zahlreichen table d'hôte im
eleganten Gasthofe vorfiel.«
    »Ja, ja, viel Neues!« sagte Albertine seufzend, »wären die Sachen nur auch
löblich, wahrhaft aufregend gewesen. Diese armselige Oper und diese neue Sorte
von Teaterstücken - wie kann man nur Interesse an ihnen nehmen?«
    »Doch, wenn man jung ist. Sind wir denn nicht überhaupt dazu da, immerdar
etwas zu lernen?«
    So sprach Dorotea, und Albertine sah sie forschend an und fuhr dann fort:
»Sieh, mein Kind, ich verstehe die Menschen gar nicht mehr. Nicht wahr, mein
Vetter, der junge Elsheim, wird von allen Leuten für einen sehr angenehmen
Menschen gehalten? Man nennt ihn geistreich, wohlgebildet, fein, witzig,
wohlwollend, selbst gelehrt, und wer weiß was nicht sonst noch alles! Und doch
sind wenige Männer, vielleicht gibt es keinen einzigen der mir in jeder Minute,
ja fast in jedem Augenblick, wenn ich in seiner Gesellschaft bin, einen so
lebhaften Unwillen, ja einen tief empfindlichen Schmerz erregt. Wie ist es dir
denn in seiner Gegenwart?«
    »Mir?« fragte Dorotea; »wahrlich, mir ist es noch gar nicht einmal
eingefallen, mir diese Frage zu stellen. Er gefällt mir übrigens ganz wohl und
kommt mir vor, wie die meisten Männer.«
    »O du unschuldiges Kind!« rief Albertine aus - »du siehst also nicht, wie in
diesem jungen, hübschen, hochfahrenden Mann die ganze Verkehrtheit unsers
Zeitalters so recht sichtlich dargestellt ist? Wie ist er mit sich selbst
zufrieden, wie belehrt und hofmeistert er oft andere über Dinge, die diese doch
viel besser wissen. Er ist freundlich gegen alle ohne Ausnahme, aber in diesem
Wohlwollen ist so viel bewusste und absichtliche Herablassung, dass es den
Unschuldigen, dem er sich auf diese Weise nähern will, weit mehr verletzen, als
erfreuen muss. Und sein Lachen, sein höhnisches Lachen - meist über
