 Brief zur dereinstigen Berichtigung.
    Über Ortographie und Interpunktion hege ich meine Grillen. Alles in der
Welt hat sein individuelles Leben bis zu den Buchstaben, bis zum Kolon, bis zum
Punkte hinunter. Inkonsequenzen machen erst das Dasein aus; warum missgönnt man
es den kleinen Schelmen, zuweilen außer der strengen Regel der Feder zu
entschlüpfen, und sich auch wohl einmal in krauser Willkür zu emanzipieren. Ein
Komma will sich in der Spalte des Kiels bilden, plötzlich aber überkommt den
Narren ein Stolz, und zum Semikolon avanciert, erscheint er auf dem Papiere. Im
Gegenteil: Ein großer Buchstabe bekehrt sich, da es eben noch Zeit ist, vom
Hochmut, und siehe, als demütigfrommer kleiner steht er da. Zusammensetzungen
geraten in Zank und Hader, häuslichen Zwist, flugs rücken sie auseinander, wie
grollende Eheleute, um vielleicht auf der nächsten Seite schon wieder in der
schönsten Eintracht verbunden zu sein. Das spitzige, giftige ss stößt das gute,
runde s über den Haufen, und was dergleichen Vorfälle mehr sind, von denen
Adelung und Wolke nichts gewusst haben.
    Eigentliche Grammaticalia begehe ich wohl nicht, da ich, wie Sie richtig
vermuten, in meiner Jugend eine gelehrte Schule besucht habe, überdies aber auch
nachmals mich immer mit Lesen und Schreiben beschäftigte. Sollte der Kopist
dergleichen gemacht haben, und der Korrektor sie stehenlassen, so wäre das
freilich schlimm für den Stil, aber ich glaube nicht, dass es mir bei den Lesern
schaden würde.
    Die meisten Autoren tragen sich mit dem Gedanken, der Leser nehme das Buch
zur Hand, um sich zu belehren, oder doch etwas Neues zu erfahren. Grundfalsch!
Der wahre Leser greift danach mit dem Gefühle des Patronats; der Schriftsteller
ist sein Klient, und in je traurigeren Umständen dieser sich befindet, je
kläglicher die Rede ist, die er an ihn hält oder schreibt, desto größeren
Eindruck macht er auf den guten Patron.
    Daher kommt das wunderbare Glück der ganz erbärmlichen Schriften. Bei ihnen
bleibt der Leser im steten, ihm so wohltuenden Genuße des Mitleids gegen das
menschliche Elend.
 
                           VI. Derselbe an Denselben
Doch von den Minutien zum Ernste zurück.
    Lassen wir das Publikum! - Es gibt kein Publikum mehr. Dieses Wort setzt
eine Anzahl empfänglicher Hörer voraus. Wer hört nun noch, und wer will
empfangen? Leicht ist es, hierüber verdrießlich zu werden und zu schelten,
schwerer, das Phänomen in seinem Ursprunge zu begreifen, in seinen Folgen mit
Gleichmut zu erdulden.
    Und doch entspringt die scheinbare Gefühllosigkeit der jetzigen Menschen für
Schönes, Geistiges nur aus der von mir in meinem vorletzten Briefe erwähnten
Überfülle der Geister. Jeder ist von einem unbekannten Etwas überschattet,
welches die Seelen erhebt und gänzlich beschäftigt, alle haben eine große
