
Gottfried Seume, gestorben am 13. Juni 1810.
    Ach, Seume! Guter, ehrlicher, deutscher Seume! Hätte ich doch fast diese
Merkwürdigkeit von Teplitz vergessen, dass Deine irdischen Gebeine, gewiss recht
ermüdet von Deinem großen Spaziergang nach Syrakus, hier sich ausruhen! Und ein
Zufall und ein Philister müssen mich erst darauf bringen, an Dein Grab zu
wallfahrten, und Deiner zu denken. Ich kenne Dich, ich kenne Dich! Schon als
Knabe, Du alte, wackere Haut, hat mir Dein Spaziergang nach Syrakus viel
Vergnügen gemacht, ich bin mit Dir gewandert und mit Dir eingekehrt, habe die
Schuhe mit Dir zerrissen, und Dein Vesperbrot am Wege mit Dir geteilt. Seume,
es hat mir gut, sehr gut geschmeckt. Und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre
ich meinen Eltern davongelaufen, um gleich Dir, wie ein frischer
Handwerksbursche, mit Ränzel und Knotenstock, nach Syrakus zu pilgern, und in
jeder Kneipe, wo Du übernachtet, das Schenkmädchen zu fragen nach Seume. Du
warst ein göttlicher Kerl, am liebsten möchte ich Dich einen Burschen nennen!
Solche Burschen, wie Du, versteht unser heutiges Zeitalter nicht mehr, dazu ist
es zu salonsmässig dumm geworden. Du, ganz das Widerbild eines Salonsmenschen,
ich gäbe etwas darum, wenn ich Dich hätte küssen können. O durchaus ein Mensch,
wie ich sie liebe. Und was habe ich herzlich gelacht über Deine närrische
Liebhaberei an dem langweiligen Teokrit! Aber es war recht von Dir, dass Du
Deiner Laune folgtest! Guter, guter Bursche, herzlieber Sonderling, spasshafter
Grillenfänger, biedrer Menschenfeind, weichherziger Timon! O durchaus ein
Mensch, wie ich sie liebe. Ein Bursche, ein Student bliebst Du zeitlebens. Ein
Kernbursche, ein Weltbursche, der immer den Wanderstab in der Hand hat, von
einer Erdenstation auf die andere geworfen wird, nichts als vorübergehendes
Wirtshauslabsal und Strohlagerruhe im Leben findet, aber überall etwas sieht
und lernt, manchen grünen Zweig sich an die Mütze steckt, und mit starkem Herzen
und rüstigem Pilgerschritt immer weiter zieht, ohne Heimat und Ruhe, nur
zuweilen mit einer verstohlenen Träne im Auge.
    Aber höre, etwas Philister warst Du doch! Und es ist sonderbar, dass mir
gerade der Philister Dein Grab gezeigt hat. Du warst ein Weltbursch mit dem
Weltpilgerstab, ich lasse Dir als Mensch große Gerechtigkeit widerfahren. Aber
Alles, was Du geschrieben und gedichtet, riecht etwas stark nach dem Bettelsack,
den Dir das Schicksal schon früh auf Deine Schulter geladen. Nimm es mir nicht
übel, wer kann dafür? Du warst ein Poet, der seine Begeisterung bei Kartoffeln
und einem Heringskopf abfertigte, und Dein Apoll wiegte sich immer erst lange
auf olympischen Tabakswolken hin und her,
