 Weidgang im
Wald und auf den Almenden allein für sich, und die Armen haben keinen Nutzen und
Vorteil von den Gemeindsgütern.«
    »Wenn du das Alles weißt, Müller: warum sagst du das nicht der ganzen
Gemeinde und öffnest ihr die Augen?« fragte Oswald zornig.
    »Weil es nicht hilft!« erwiderte der Müller: »Denn da die Meisten im Dorfe
bei den Reichen verschuldet sind, so tun die Reichen was sie wollen, und es
darf ihnen Keiner widersprechen. Und wenn unsereins gegen Missbräuche den Mund
auftun will, so toben und lärmen die Lumpenkerle alle, dass man seines Lebens
kaum sicher ist. Das wissen die Vorgesetzten und die Reichen wohl. Die
betrachten die verlumpten Leute wie ihre Hunde, welche sie nach Belieben auf
jeden loslassen können, der ihnen in die Quer kommt.«
    »Das ist entsetzlich!« schrie Oswald: »Wenn denn die Menschen keinen
Verstand haben, so sollten sie doch ein Gewissen und Gottesfurcht haben.«
    »Ja, sie sollten wohl,« sagte der Müller, »aber woher nehmen? Unser Herr
Pfarrer ist ein alter Herr, der für seine Pfründe und Bequemlichkeit sorgt,
immer vom Glauben predigt, von Himmel und Hölle, und seine Kirchengeschäfte
verrichtet, wie ein Anderer sein Tagwerk, und hat er es getan, sich um Anderes
nicht bekümmert. Was man tun müsse, worin die christlichen Tugenden bestehen,
und wie man sie erlangen und ausüben müsse - das lehrt er nicht. Er geht Jahre
lang in keines Bauern Haus, als im Notfall, wo er gerufen wird. Folglich ist er
kein wahrer Ratgeber, kein wahrer Tröster, und kennt den Zustand der Familien
lange nicht genau genug, um auch im häuslichen Leben auf ihre Frömmigkeit und
Besserung hin zu arbeiten. Die Leute gehen aus Gewohnheit in die Kirche, der
Pfarrer predigt aus Gewohnheit, und mit dem Schritt aus der Kirche bleibt es bei
den gewohnten Lastern und Lüderlichkeiten. Und weil die Menschen von innen in
ihrem Herzen nicht besser werden, wird es auch von außen nicht besser. Und wie
die Alten, so die Jungen.«
    »Was? Taugt der Schulmeister auch nichts?« fragte der Oswald.
    Der Müller sagte: »Seit dein Vater gestorben ist, der ein gottesfürchtiger,
verständiger Mann war, geht es mit der Schule schlecht. Die Knaben und Mädchen
lernen zur Not lesen, Schreiben und Rechnen, auch wohl ein Gebet. Aber von
ihren Eltern daheim lernen sie, was sie sehen, nämlich Lug und Trug, Schwören
und Fluchen, Unzucht und Heuchelei, Raufen und Balgen, Betteln und Stehlen,
Spielen und Saufen, Müßiggang und Mutwillen, Hader und Neid, Verleumden und
Lästern.«
    Als Oswald diese Dinge
