 dem Sonst nichts nehmen. Denn
ob ich gleich seit 25 Jahren durch einige Nachahmungen und Nachspiele des Buchs
ordentlich mich selber satt bekommen: so überwind' ich doch den Überdruss an
dieser Selbersatteit durch die Hoffnung, dass der schreibende Jüngling später
wieder auf lesende Jünglinge und Jungfrauen treffen und dass künftig auch für
ältere Leser mehr vom Nachgeahmten als von den Nachahmungen übrig bleiben wird.
Und so lege denn dieser Abendstern - der früher der Morgenstern meiner ganzen
Seele gewesen - seinen dritten Umlauf um die Lesewelt in dem vollern Lichte
eines bessern Standes gegen Sonne und Erde zurück!
Baireut den 1. Jenn. 1819.
                                                          Jean Paul Fr. Richter.
 
                          Vorrede zur zweiten Auflage
Noch hab' ich von dieser Vorrede weiter nichts zustande gebracht als einen
leidlichen Entwurf, den hier der Leser ungeschminkt bekommen soll. Vielleicht
heb' ich durch das Geschenk dieses Entwurfs auch den Vorhang auf, der noch immer
an meiner literarischen Arbeitloge herunterhängt, und ders der Nachwelt
versteckt, wie ich darin arbeite als mein eigener dienender Bruder und als
Meister vom schottischen Stuhl. Ein Entwurf ist aber bei mir kein Predigtentwurf
in Hamburg, den der Hauptpastor am Sonnabend ausgibt und am Sonntag ausführt -
er ist kein Gliedermann, keine Akademie, kein Kanon, wonach ich schaffe - er
ist kein Knochenskelett für künftiges Fleisch; - sondern ein Entwurf ist ein
Blatt oder ein Bogen, auf welchem ich mirs bequemer mache und mich gehen lasse,
indem ich darauf meinen ganzen Kopf ausschüttele, um nachher das Fallobst zu
sichten und zu säen, und das Papier mit organischen Kügelchen und mit Lagen von
Phönixasche bedecke, damit ganze schimmernde Fasanereien daraus aufsteigen. In
einem solchen Entwurfe halt' ich die unähnlichsten und feindlichsten Dinge bloß
durch Gedankenstriche auseinander. Ich rede mich in dergleichen Entwürfen selber
an und duze mich wie ein Quäker und befehle mir viel; ja ich bringe darin häufig
Einfälle vor, die ich gar nicht drucken lasse, weil entweder kein Zusammenhang
für sie auszumitteln ist, oder weil sie an sich nichts taugen. Und nun wird es
Zeit sein, dass ich dem Leser einen solchen Entwurf wirklich darbiete, welches
diesesmal der Entwurf der gegenwärtigen Vorrede selber ist. Er ist
überschrieben:
   Architektonik und Bauholz für die Vorrede zur zweiten Auflage des Hesperus
»Mache sie aber kurz, da der Welt der Gang durch zwei Vorzimmer in die
Passagierstube des Buchs ohnehin lang wird - Scherz' anfangs - Selten schiebt
einer auf der literarischen Kegelbahn alle neun Musen - Der Schluss aus der
Reflexion - Bringe viele Ähnlichkeiten zwischen dem Titel Hesperus und dem
Abendsterne oder der Venus heraus, dergleichen etwa sein müssen, dass meiner wie
diese voll spitzer hoher Berge ist, und dass beide ihrer Unebenheit ihren größeren
Glanz verdanken, ferner dass der eine wie die andere im Durchgang durch
