 ein falscher Dieb
von Haus aus. - Auch sprang Viktor, wenns ohne Lärm anging, langen Erwähnungen
Klotildens, d.h. langen Verstellungen, aus dem Wege; und eben diese Flucht vor
Hinterlist, eben seine jetzige größere Menschenfreundlichkeit gegen Flamin
verschatteten gerade seine edle Gestalt; und über den verdrehenden Argwohn
tröstete ihn nichts als die süße Betrachtung, dass er dem Bruder seiner Geliebten
und seines Herzens zu Gefallen den schönsten Tagen in Maiental den Rücken
zukehre.
 
                                31. Hundposttag
Klotildens Brief - der Nachtbote - Risse und Schnitte im Bande der Freundschaft
Ich wollt' es in die Literaturzeitung rücken lassen, ich hätte Herrnschmidts
osculologia zu meinen (gelehrten) Arbeiten vonnöten - Nämlich zu diesem Kapitel:
ich wollte daraus sehen, wie man zu Herrnschmidts Zeiten mit den Weibern umging.
Zu Jean Pauls Zeiten geht man schlecht mit ihnen um, in Romanen nämlich. Bloß
der Engländer kann vortreffliche Weiber porträtieren. Den meisten deutschen
Roman-Formern schlagen die Weiber zu Männern um, die Koketten zu H-, die Statuen
zu Klumpen, die Blumenstücke zu Küchenstücken. Dass die Schuld mehr an den Malern
als an den Urbildern liege, wissen nicht nur die Urbilder selber, sondern auch
der Berghauptmann schon daraus, weil die Romanleserinnen alle noch romantischer
sind als die Romanheldinnen, noch feiner und zurückhaltender. Der Berghauptmann
tut hier - ohne die Absicht zu haben, dass ihn acht vornehme Weiber in Mainz, wie
den Weiber- und Meistersänger Heinrich Frauenlob, zu Grabe tragen - einen
gedruckten Eidschwur (d.h. Schwurschwur), dass er die meisten seiner
Zeitgenossinnen besser antraf, als sie der gute offene, aber leere rohe Kopf des
Verfassers des Alcibiades und Nordenschilds zeichnen kann. In der Tat, wenn die
Weiber nicht den Männern alles verziehen, sogar den Autoribus (und zwar täglich
siebenzigmal, und sie reichen den andern Backen dar, wenn der eine durch Küssen
beleidigt worden): so könnt' es kein Bücherverleiher erklären, wie Menschen,
deren Kopf doch schwerer, deren Zirbeldrüse kleiner ist, und die sechs
Knorpelringe der Luftröhre mehr haben - nämlich 20 überhaupt, wahrscheinlich zum
Mehr-Reden -, deren Brustbein kürzer und deren Brustknochen weicher sind als bei
den Männern, wie doch solche Menschen weiblichen Geschlechts noch die Magd oder
den Kerl in eine Lesebibliotek mit dem Auftrag schicken können: »Einen
Ritterroman für meine Mademoiselle!« Meine Feder-Kollegen - in Rücksicht der
Weiber bin ich nach der Bergsprache bloß von der Feder, nicht von Feuer noch von
Leder - werden zur Erziehung der Leserinnen, wie nach Lessing die Juden zur
Erziehung der Völker, nur darum gewählt, weil sie roher sind als die Zöglinge.
    Jede Frau ist feiner als ihr Stand. Sie gewinnt mehr durch die Bildung als
