
Die Tugend ist nur, weil ich sie gedacht.
So beherrscht mein äussrer Sinn die physische, mein innerer Sinn die moralische
Welt. Alles unterwirft sich meiner Willkür, jede Erscheinung, jede Handlung kann
ich nennen, wie es mir gefällt; die lebendige und leblose Welt hängt an den
Ketten, die mein Geist regiert, mein ganzes Leben ist nur ein Traum, dessen
mancherlei Gestalten sich nach meinem Willen formen. Ich selbst bin das einzige
Gesetz in der ganzen Natur, diesem Gesetz gehorcht alles. Ich verliere mich in
eine weite, unendliche Wüste - ich breche ab.
 
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                         Willy an seinen Bruder Thomas
                                                                            Rom.
Du hast lange keinen Brief von mir bekommen, lieber Bruder, und das macht, weil
ich Dir gar nichts zu schreiben hatte. Uns allen hier, ich meine, mir, meinem
Herrn und seinen Freunden, uns allen geht es hier recht wohl, außer dem Herrn
Balder, der in Neapel krank liegt, weil er einen Anstoß vom Fieber bekommen hat.
Man erzählt sich allerhand von ihm; so sagt man unter andern, er habe in manchen
Stunden den Verstand ganz verloren und sei gar nicht bei sich, da rede er denn
wunderlich Zeug durcheinander. - Wenn ich so etwas höre, Thomas, so danke ich
Gott oft recht herzinniglich, dass mir so etwas noch nicht begegnet ist:
vielleicht aber auch, Thomas, dass, um verrückt zu werden, mehr Verstand dazu
gehört, als wir beide haben; ich meine nämlich, wenn man nur immer so viel
Versrand hat, als man zur höchsten Notdurft braucht, so kann man ihn ohne
sonderliche Mühe in Ordnung halten. Wer aber zu viel hat, dem wird das Regiment
saurer, und da geht dann manchmal alles bunt übereck. - Ich denke, es muss
ungefähr so sein, wie mit dem Gelde: wer seine Einkünfte immer in der Tasche
bei sich trägt, ist meistenteils ein guter Wirt; wer aber so viel Geld hat, dass
er es nicht gleich im Kopfe zusammenrechnen kann, der gibt oft so viel aus, dass
er noch Schulden obendrein macht.
    Der Herr Rosa will mir immer noch nicht gefallen. Er kommt mir vor, wie ein
Religionsspötter, von denen ich schon manchmal in unserm Vaterlande habe
erzählen hören; solche Leute können kein gutes Herz haben, weil sie nicht auf
die Seligkeit hoffen, und wer darauf nicht hofft, Thomas, der hat keinen festen
Grund, worauf er seinen Fuß setzen kann, und das hiesige Leben kommt mir doch
immer nur als eine Probearbeit vom künftigen vor; sie machen also ihre Probe
sehr flüchtig und nachlässig, und tun Gott und allen Menschen so vielen
Schabernack, als sie nur immer können. Ich weiß nicht, Thomas,
