 bis ihr mir Befehl gebt, sie zu
öffnen, will selbst an Otten von Wittelsbach nicht denken, der mir im Grunde
wohl so gut gefällt, als er einer meiner Schwestern gefällt und der andern
gefallen sollte. Wenn ich Zeit habe, an so etwas zu denken, so soll mein einiger
Gedanke jener Ungenannte sein, dessen Namen ihr mir einst entdecken wollt, nach
dem ich aber gar nicht neugierig bin, ungeachtet Elise mir sagt, es würde wohl
jener Otto, nicht der von Wittelsbach, sondern der Gegner meines Vaters sein.
    Ich kann eben nicht sagen, dass ich mich über diese Mutmaßung freue; so wird
mir also wohl auch so ein trübseliger Brautstand bestimmt sein, wie der guten
Gräfin Alix, die ich wahrhaftig um ihre Juwelen nicht beneide. Mich dünkt, sie
fühlt so wenig für den Prinzen von Kastilien, als er für sie, bedenkt selbst,
schon so lange ist sie seine Braut, die Sache gewinnt nimmermehr ein Ende, ich
bin indessen aus einem Kinde zur Jungfrau geworden, und gleichwohl wird ihr die
Zeit gar nicht lang dabei, das zeigt von schlechter Liebe! - Sie treibt ein
unaufhörliches Lesen gewisser Bücher welche ihr ihr Bruder, der Graf von
Toulouse, heimlich zuschickt, dies ist ihre einige Leidenschaft. Mich dünkt, sie
sollte sich besser zur Nonne als zur Königin schicken, gleichwohl habe ich nie
jemanden heftiger wider den Klosterstand sprechen hören als sie. Überhaupt
äußert sie ganz andre Meinungen, als uns von unsern Lehrern eingeprägt werden,
vieles, das sie sagt, gefällt mir unendlich, und ich wollte wohl, dass es wahr
wäre. Diese Dinge müssen in ihren Büchern stehen. Elise hat sie auch gelesen,
und spricht mit Entzücken davon. Auch mir sollen sie mitgeteilt werden, wenn
ich gesetzter bin und besser schweigen kann, denn all dieses wird sehr heimlich
behandelt.
    Dass ihr Alverden von Merode dem Heinrich von Kalatin entrissen und uns
geschenkt habt, dafür sagen wir alle drei, die Gräfin und wir, den herzlichsten
Dank; sie ist uns schon sehr lieb geworden, und lebt mit uns, ohne Rücksicht auf
Standesunterschied, an welchen uns die Nonnen, denen die Aufsicht über uns
befohlen ist, zuweilen erinnern, völlig auf schwesterlichem Fuß. Sie scheint
mehr Zutrauen zu uns zu haben, als zu euch, denn sie hat uns schon die
Mitteilung ihrer Geschichte versprochen, die ihr freilich auch erfahren sollt.
    Die verwirrten Händel von unserm und dem römischen Hofe verstehe ich nicht,
mag mir auch den Kopf nicht damit zerbrechen, meine Schwester, die über ihrem
Briefe so emsig ist, dass sie den meinigen nicht lesen will, wird euch schon
vernünftiger über diese Dinge schreiben, als ich es könnte. Gott bewahre nur
euch,
