solange nun
einmal die Menschen nicht nach natürlichen, sondern nach konventionellen
Vorschriften handeln sollen)! Und das nicht etwa bloß, weil aller Augen auf ihn
gerichtet sind, weil er schuldig ist, dem Volke aller Klassen Beispiel zu geben,
sondern auch seines eignen Vorteils wegen. Denn wenn er den Untertanen zeigt,
dass derjenige den Gesetzen nicht zu gehorchen braucht, der mächtig genug ist,
sich Impunität zu verschaffen, so gibt er ihnen den Wink, dass auch jeder den
Pflichten gegen ihn und dem ihm schuldigen Gehorsame sich entziehen dürfe, der
nur die Mittel ausfindig machen könne, dies heimlich oder ungestraft zu tun.
    NEGUS: Das lässt sich hören; aber wenn ihr mit den Pflichten des Ehestandes
soviel Zwang verbindet, so hoffe ich, eure Gesetze schränken desto weniger die
freie Wahl der Leute ein, die sich nun einander heiraten und ihr ganzes Leben
ausschließlich miteinander hinbringen wollen.
    ICH: Euer Majestät wissen, dass die Grade der Blutsverwandtschaft wenigstens
einige Einschränkung in diese Freiheit legen.
    NEGUS: Warum denn das?
    ICH: Ei! schon in den Mosaischen Gesetzen -
    NEGUS: Das ist ein albernes Geschwätz! Was kümmern euch die Gesetze, die man
einem Volke in Palästina gegeben hat und die nach dem Klima und nach den
Bedürfnissen der Juden eingerichtet waren? Ich sehe gar nicht ein, warum bei
euch nicht der Bruder seine Schwester heiraten soll, wenn sie ihm gefällt, um so
mehr, da er diese besser als andre Mädchen kennt und also weiß, ob ihre
Gemütsart sich zu der seinigen schickt.
    ICH: Wenn aber das Vorurteil von Blutschande ausgerottet würde, sollten dann
nicht die frühern Ausschweifungen unter jungen Leuten beiderlei Geschlechts, die
uneingeschränkt in den Häusern der Eltern miteinander umgehen, allgemeiner
werden?
    NEGUS: Gar nicht! Der Reiz der Neuheit und die Überwindung der
Schwierigkeiten - das ist es grade, was verbotene Begierden erweckt; und
Menschen, die sich täglich sehen und mit allen ihren Unvollkommenheiten
kennenlernen, werden nie lüstern nacheinander werden; und wenn sie dennoch Liebe
zueinander fassen, so wird das eine vernünftige Liebe sein, bei welcher die
Sinne nur die Nebenrolle spielen und der man keine Hindernisse in den Weg legen
sollte. Allein von den Schwierigkeiten, die das Vorurteil der Verwandtschaft der
freien Wahl bei den Heiraten in den Weg legt, redete ich nicht; sondern das
wollte ich von dir hören, ob du ein so schweres Monopolium nicht unbillig
fändest, da auch die Verhältnisse des bürgerlichen Lebens es euren Jünglingen
unmöglich machen, bei der Wahl ihrer Gattinnen gänzlich ihrer Neigung zu folgen.
Du siehst, dass ich nicht ohne Kenntnis der Sache rede; ich lese deutsche Bücher.
Alle eure Schriftsteller klagen über den steigenden Luxus, der es zur
Notwendigkeit macht, bei den Heiraten
