, suche es ihnen geläufig zu machen, ihre eigenen Empfindungen auf
alle mögliche menschliche Zufälle zu kalkuliren, und sich in das Alter, in die
Umstände und in das stürmische Blut dessen zu versetzen, den ihre ruhige
Vernunft zu verdammen eilt. Er lehre den Jüngling Tagebücher halten, wie das
meinige ist, und, wenn die Langeweile seines hinschleichenden Lebens ihn bitter
und böse gemacht hat, kein anderes Buch fleißiger lesen. Meinetwegen mag er
auch, wenn er Herz und Geschick genug dazu hat, es zum Besten der Welt, mit
allen den moralischen Anmerkungen drucken lassen, die ihm Zeit und Erfahrung
behilflich gewesen sind zu sammeln. Es ist freilich nicht die gewöhnliche Art
die Tugend zu predigen, wenn man sich selbst auf den erhabenen Ort des Prangers
stellt; aber deshalb ist es auch nicht die schlimmste. Es gibt der Mittel viel,
eine heilsame Arzenei gemeiner zu machen. Jedes Jahrhundert, jeder Quacksalber,
jeder Professor hat sein eigenes. Wird denn nicht jetzt selbst das feste Wort
des Herrn in einem neuen Modegewande ausgeboten? Warum sollte denn nicht auch
ich einen noch wenig versuchten Weg betreten, um durch ein offenes Geständnis
meiner Verirrungen jedem andern menschlichen Herzen näher zu kommen?
    Überhaupt muss der Mann besser rechnen können als ich, der sich zu bestimmen
untersteht, ob dieses oder jenes beschriebene Blatt zum Nutzen des Ganzen mehr
beitragen werde. Ziehen die Schriftsteller, wie gewöhnlich, nur ihre Eigenliebe
darüber zu Rate, so ist die Frage freilich geschwind genug zur Ehre ihrer
Talente entschieden; aber auch hier hängt alles von der Weisheit jenes
unsterblichen, unbekannten und glorreichen Genius ab, der auch den
anspruchlosesten Lumpen noch immer gebrauchen kann, einem Bedürfnisse mehr, auf
einer solchen Bettlerwelt als die unsrige ist, abzuhelfen.
    Du räusperst Dich, Eduard, winkst mir inne zu halten, und die Lust des
Widerspruchs schwebt Dir um den Mund. Gut! Meine Pferde sind noch nicht da,
meine Tinte ist fliessend, und Papier und Federn liegen noch auf dem Tische. Das
schreckt Dich nicht, ich weiß es; so lass denn hören! - »Wenn du glaubst,« hebst
Du trocken an, »mit allen deinen Tadlern eben so gut fertig zu sein als mit
mir,« wie ich denn das wirklich geglaubt habe, »so tut es mir leid um deinen
schönen Traum. So lange dein Tagebuch nur unter uns, und, wie so viele andere
Schreibereien der Welt, nur Manuskript unter Freunden bleibt, o! da verlohnt es
sich freilich nicht der Mühe viel Aufhebens davon zu machen. Nimmst du aber den
pro securitate publica so bedenklichen Fall an, dass die Gemälde deiner
Unsittlichkeit zu der Ehre einer öffentlichen Ausstellung gelangen, so wäre ich
wohl neugierig das Bedürfnis zu erfahren
