
        
                                Marianne Ehrmann
                        Nina's Briefe an ihren Geliebten
                            Von der Verfasserinn der
                              Geschichte Amaliens
  Nodo piu forte
 Fabricato da noi é non dalla Sorte.
                                   Vorbericht
Mein Weibchen sagt, ich solle ihr eine Vorrede zu den Briefen schreiben, die ich
mit ihrer gütigen Erlaubnis hier dem Publikum vorlege. Nun ich will's gerne
tun, denn was tut man nicht einem lieben Weibchen zu Gefallen! Aber ich weis
in Wahrheit nicht, was ich schreiben soll.
    Soll ich meinen Lesern sagen, dass alle diese Briefe wirklich originell und
wahr sind? - Nun, dass möchte ich wohl, aber ich fürchte, man glaubt mir es
nicht; sollte ich nun noch vollends hinzusetzen, dass ich der Fritz bin, an
welchen alle diese Briefe geschrieben sind, so würde man gar Zeter über meine
Eitelkeit schreien.
    Die Herren Kritiker mögen aber auch sagen, was sie wollen, es ist nun einmal
so! Die Verfasserinn dieser Briefe ist meine liebe Gattin, und hat diese
Briefe, so wie sie hier stehen, an mich geschrieben! Lachen Sie nicht, meine
werteste Leser und Leserinnen, ich sage Ihnen die Wahrheit! -
    Es mag Ihnen freilich etwas sonderbar vorkommen, dass der Ehemann die Briefe
drukken lässt, die als Liebhaber von seiner nunmehrigen Gattin an ihn geschrieben
worden sind; die Sache bleibt aber an sich selbst doch ganz natürlich! -
    Ob diese Briefe wirklich auch für andre Leser den innern Wert besizzen, den
Sie für mich haben, das kann ich nicht entscheiden! Ich lese sie als Ehemann
noch mit den nämlichen Augen, mit welchen ich sie als Liebhaber las, und darum
glaube ich auch, dass sie dem Publikum gefallen werden, so wenig empfindelnd sie
auch sind.
    Was übrigens gewisse Herren Kunstrichter und Kritikaster dazu sprechen
werden, das soll mich und mein Weibchen wenig kümmern. Gefällt das Büchelchen,
nun so kann ihr Tadel ohnehin nichts schaden, und dass es gefallen werde, das
hoffe ich.
                                                                Der Herausgeber.
 
                                    I. Brief
                               Mein Wertester! -
Aber um Gotteswillen, was kann ich Ihnen in meiner Lage für Trost geben? Von
allen Seiten umringt, verfolgt von den Ihrigen, an der Ehre gekränkt, und dann
von einem Freund gequält, der mich besser kennen sollte Erfordert meine Lage
nicht mehr Vorsicht, als die Ihrige? Sie sind Mann, ich bin Weib. Mündlich will
ich Sie über alles beruhigen; aber schriftlich wage ich es bis izt noch nicht.
Sind Sie toll, dass Sie sich Menschen, (sie seien auch, wer sie wollen)
anvertrauen? Wie können Fremde von meiner Lage schwazzen, die nur Ihnen und mir
bekannt ist? - Hüten Sie sich, je wieder einem Ihrer Freunde Ihr Herz zu öffnen!
Diese Kalten verstehen weder Sie
