 ist, die Bitte
                                                                           Ihrer
                                                                          Marie.
 
                           Sechsunddreissigster Brief
                                Sophie an Marien
Ja, Teuerste, ich will zu Ihnen kommen. In acht Tagen bin ich bei Ihnen. Ich
fühle, dass auch mir eine Entfernung von hier nötig ist. Dann wollen wir
zusammen weinen, und eine in der andern Kummer Trost suchen. Auch mein Herz
blutet noch oft, wenn ich an Karlsheim denke.
    Julie ist seit der Entwicklung ihres Schicksals ein ganz andres Geschöpf
geworden. Ihr Auge ist heller, ihre Wange lebhafter; auch ihre Munterkeit und
ihr Witz, durch das Unglück niedergedrückt, kommt wieder hervor. Kurz, sie ist
jetzt ein liebenswürdiges Mädchen, die auch durch andre Mittel, als durch die
redende Miene ihres Kummers, die Herzen einzunehmen weiß. Ihre Hochzeit wird
künftigen Donnerstag sein.
    Mein gütiger Onkel hat mir erlaubt, ihr meine Aussteuer zu schenken; auch
mein Brautkleid und den dazu gehörigen Putz hat sie bekommen. Als ich ihr dieses
antrug, wurde sie höchst gerührt, und sagte mir vieles zu meinem Lobe, das ich
nicht ganz verdiene. Wäre ich nicht das schändlichste Geschöpf, wenn ich anders
hätte handeln können? Und doch hält der größte Teil unsres Publikums meine
Handlung für übertrieben. Meine Bekanntinnen spotten mit hämischer Schadenfreude
darüber, und nur wenige gibt es, die mich recht beurteilen.
    Neulich musste ich in der Komödie ein Gespräch einiger Frauenzimmer anhören,
die es nicht wussten, dass ich hinter ihnen saß.
    »Wer hätte das gedacht, dass die Sache einen solchen Ausgang nehmen würde?«
    »Ja wohl, wer hätte das denken sollen? Sie tat ja so dick mit ihrem
Karlsheim; wenn sie auf der Straße mit ihm ging, sah sie triumphierend umher,
als wollte sie aller Welt sagen: Seht, das bin ich. Es war ja kaum, als wenn sie
einen noch kennte. Ich glaube auch, es wäre Karlsheim nie eingefallen, auf sie
zu denken, wenn sie ihm nicht so nachgelaufen wäre. Allentalben war sie ja
hinter ihm her.«
    »Ja, sie war bis über die Ohren in ihn verliebt, und man sagt auch, ihr
Onkel möchte wohl gemerkt haben, wie sehr es ihr um einen Mann zu tun wäre, und
dass es vielleicht notwendig wäre, ihr bald einen zu geben; er habe sie ihm also
angetragen. Ich glaube es auch wohl, denn sie baten ihn ja gleich anfangs immer
zu Gaste, und suchten ihn an sich zu ziehen.«
    »Ich hätte ihn wahrhaftig nicht genommen, wenn er zu mir gekommen wäre. So
ein Fremdling, den man nicht kennt! Ach! er tat anfangs so süß gegen mich -«
(er hatte sie erst kennen gelernt, als ich sie nebst den andern
