 lassen wollten, ließ ihm
nicht Zeit, die Früchte seiner Arbeit zu geniessen3. Sie trieben ihn wieder fort,
und Abdera blieb unbewohnt und unvollendet, bis, ungefähr um das Ende der
Olympiade 59, die Einwohner der ionischen Stadt Teos - weil sie keine Lust
hatten, sich dem Eroberer Cyrus zu unterwerfen - zu Schiffe gingen, nach
Tracien segelten, und, da sie in einer der fruchtbarsten Gegenden desselben
dieses Abdera schon gebaut fanden, sich dessen als einer verlassenen und
niemanden zugehörigen Sache bemächtigten, auch sich darinnen gegen die
tracischen Barbaren so gut behaupteten, dass sie und ihre Nachkommen von nun an
Abderiten hießen, und einen kleinen Freistaat ausmachten, der (wie die meisten
griechischen Städte) ein zweideutig Mittelding von Demokratie und Aristokratie
war, und regieret wurde, - wie kleine Republiken von je her regieret worden
sind.
    »Wozu (rufen unsre Leser) diese nichtsbedeutende Deduction des Ursprungs und
der Schicksale des Städtchens Abdera in Tracien? Was kümmert uns Abdera? Was
liegt uns daran, zu wissen, oder nicht zu wissen, wann, wie, wo, warum, von wem,
und zu was Ende eine Stadt, welche längst nicht mehr in der Welt ist, erbaut
worden sein mag?«
    Geduld! günstige Leser! Geduld, bis wir, eh ich weiter fort erzähle, über
unsre Bedingungen einig sind. Verhüte der Himmel, dass man euch zumuten sollte,
die Abderiten zu lesen, wenn ihr gerade was nötigeres zu tun, oder was besseres
zu lesen habt! -
    »Ich muss auf eine Predigt studieren. - Ich habe Kranke zu besuchen. - Ich
hab' ein Gutachten, einen Bescheid, eine Leuterung, einen untertänigsten Bericht
zu machen. - Ich muss recensieren. - Mir fehlen noch sechzehn Bogen an den vier
Alphabeten, die ich meinem Verleger binnen acht Tagen liefern muss. - Ich hab'
ein Joch Ochsen gekauft. - Ich hab' ein Weib genommen. -« In Gottes Namen!
Studiert, besucht, referiert, recensiert, übersetzt, kauft und freiet! -
Beschäftigte Leser sind selten gute Leser. Bald gefällt ihnen alles, bald
nichts; bald verstehen sie uns halb, bald gar nicht, bald (was das schlimmste
ist) unrecht. Wer mit Vergnügen, mit Nutzen lesen will, muss gerade sonst nichts
anders zu tun noch zu denken haben. Und wenn ihr euch in diesem Falle befindet:
warum solltet ihr nicht zwo oder drei Minuten daran wenden wollen, etwas zu
wissen, was einem Salmasius, einem Barnes, einem Bayle, - und, um aufrichtig zu
sein, mir selbst (weil mir nicht zu rechter Zeit einfiel, den Artikel Abdera im
Bayle nachzuschlagen,) eben so viele Stunden gekostet hat?
