 wo sich die Leute
lieben und heiraten, will sie gar nichts hören: das nennt sie Alfanzerei,
verliebte Possen. Aus Trauerspielen lässt sie sich am liebsten erzählen, wenn sie
recht grässlich sind: im Komischen sind Holberg und Molière ihre Leibautoren,
aber der letzte nur szenenweise. Wenn sie selbst liest oder sich vorlesen lässt,
muss das Buch französisch und nicht stark sein. Nichts wundert mich so sehr, als
dass sie im Französischen für die besten Sachen, und im Deutschen nur für die
schlechten Geschmack hat: ich stimme überhaupt selten mit ihren Urteilen
überein, ob ich es gleich nicht merken lassen darf: was mir nur mittelmäßig
scheint, hält sie immer für das schönste. Am höchsten steigt meine Verwunderung,
wenn sie sich mit einen von den privilegierten Narren abgeben und über ihre
plumpen Einfälle lachen kann, als wenn es die sinnreichsten Bonmots wären: der
Apotheker und einer von den Laufern müssen sich zuweilen in ihrer Gegenwart
schrauben, wie es hier genennt wird, und die Schrauberei geht oft so weit, dass
der eine dem andern einen Bart macht, ein Bein stellt oder ihn mit Kot bewirft,
dass er nicht aus den Augen sehen kann. Mein Unglück ist es, dass ich die
Widrigkeit, die ich bei solchen Lustbarkeiten empfinde, unterdrücken und noch
obendrein mitlachen muss. - - -
                                                               den 16. November.
- Die Fürstin ist wirklich eine vortreffliche Frau und hat sich heute so sehr in
Gunst bei mir gesetzt, dass ich ihr ihren übelen Geschmack in den Vergnügungen
herzlich gern vergebe. Sie fuhr spazieren, und ich musste sie begleiten: wir
stiegen aus, um in dem Sonnenscheine herumzugehn, den sie ungemein liebt. Ein
Bauer näherte sich uns und bettelte. »Warum bettelt Ihr?« fragte die Fürstin,
»Ihr seid ja gesund und auch nicht schlecht in Kleidung.« - »Das will ich Ihr
wohl sagen«, antwortete der Bauer, »aber Sie muss mich nicht verraten. Unser
Amtmann straft gern; und wenn man nur einen Schritt der Quere tut, so rasselt
gleich der Amtsdiener an der Haustür. Ich hab ihn, mit Ehren zu melden, einen
Scheisskerl geheißen, und dafür soll ich ihm zwei Taler bezahlen. Sie ist ja die
Fürstin: sag Sie doch dem Amtmanne, dass er mich ungeschoren lässt: aber er riecht
das bisschen Geld, das ich jetzt vom Markte nach Hause bringe. Ich wollte mir's
also von Ihr ausbitten, dass Sie bei dem Herrn Amtmann ein gutes Wort für mich
einlegen möchte, Frau Fürstin, damit er mir nachsieht und mich nicht pfänden
lässt: ich will's herzlich gern wieder gleichmachen.« - Die Fürstin lächelte und
befahl mir, ihm zwei Taler zu geben. »
