 kann. Dies ist die Methode der Untersuchung,
Beprüfung oder Kritik. Die polemische Methode ist die Läuterung, das Sterben,
die Verwesung in der Kenntnis, ehe wir zum Licht und Leben kommen. Die
skeptische Philosophie ist hievon unterschieden, von welcher wir oben loco
congruo schon ein Wörtchen gewechselt. Zweifeln und sein Urteil aufschieben ist
so unterschieden, als vorurteilen und nachurteilen.
    Hier eine schöne Predigt über die Worte: der Glaube kommt durch die Predigt,
viva vox docet.
    Ein mündlicher Vortrag verrät die Art zu denken. Sie zeigt den Lehrer
unangekleidet. Beim Hören denkt man immer mehr als beim Lesen. Hören ist auch
natürlicher als Lesen. Zwar können auch Bücher erbauen, allein es ist hier das
nämlich Verhältnis wie zwischen Kirchen- und Hausandacht.
    Man muss beim Lesen die Seele des Buches suchen und der Idee nachspüren,
welche der Autor gehabt hat, alsdann hat man das Buch ganz. Zuweilen ist
freilich die Seele schwer zu finden, wie bei manchem Menschen sie wahrlich auch
schwer zu finden ist. Der Verfasser selbst würde Mühe haben die Seele aus seinem
Buche herauszurechnen - indessen hat jedes Buch eine Seele, etwas
Hervorstehendes wenigstens, und gemeinhin pflegt sich hiernach das übrige zu
bequemen.
    Es scheint in der Welt bei allen Sachen eine Fibel nötig zu sein, überall
ein gewisser Mechanismus, überall eine Schule, eine Akademie. - Wer nur ein Buch
liest, vergisst, dass das Jahr vier Jahreszeiten und dass jeder Tag vier
Tageszeiten habe. Man lese vier Bücher auf einmal, und man wird finden, dass dies
dem Gemüte Erholung sei. Ein einziges Buch lesen heißt im Seelenverstande den
Pflug führen oder dreschen. - Neue Beschäftigung ist wahrlich Erholung. Warum
ist die Gesellschaft Erholung? Weil ein kluger Mann hier mehr als ein Buch
liest. Der hat es weit gebracht, der Menschen lesen kann!
    (Gott weiß, dies ist ein großes Studium! Die schönste Gegend, was ist sie
gegen einen Menschen? Und wer die Gesellschaft aus diesem Gesichtspunkt nimmt,
kann gelehrt werden ohne ein gedrucktes Buch, das ohnehin selten Leben hat.)
    Es gibt einen gewissen Lesegeiz, alles, was man liest, in seinen Nutzen zu
verwenden. - Einen Lesevielfrass, alles zu verschlingen - und da ereignen sich
oft Kopfdrücken und Verschleimungen. Sich in einem Buche betrinken heißt:
darüber Sehen und Hören vergessen und es so vorzüglich finden, dass nichts drüber
ist. - Wenig und gut lesen ist großen Köpfen eigen. Es ist schwerer so schreiben
als so reden, dass es einen interessiert. Das beste ist, sich selbst herausdenken,
nicht bei Hand- und Lehrbüchern, sondern bei seinem Genie in die Schule gehen
und ihm Folge leisten, und die Logik dem natürlichen Gange seines selbsteignen
