 ich unglücklicher Weise. Ich war nicht gerade in das Speisezimmer
gegangen, sondern ich hatte noch eins und das andere im Hause zu besorgen. Diese
Verzögerung macht, dass der Major, welcher gegen Abend wieder zu uns kommen war,
selbst auf meine Stube geht, um mich herunter zu führen, und wie er mich nicht
findet und mein Klavier offen steht, so spielt er etwan ein Stückgen und findet
das Liedgen. Der Innhalt hat ihn vermutlich bewogen, es zu sich zu nehmen, ich
habe den Verlust auch nicht eher gemerket als heute früh, da ich es lesen
wollte. Ich bin in einer entsetzlichen Verlegenheit deswegen und weil ich den
Innhalt davon aus Ihrem Schreiben schlüssen kann: so werde ich mich heute nicht
für den Major können sehen lassen ohne rot zu werden. Ich wollte lieber einen
Dieb, den ich mit Steckbriefen könnte verfolgen lassen, in meinem Zimmer gesehen
haben als einen, dem ich nicht einmal seinen Diebstahl Schuld geben, oder ihn
der Obrigkeit zur Bestrafung in die Hände liefern darf. Erweisen Sie mir doch,
mein liebes Fräulein, einen zwiefachen Gefallen, ich bitte Sie, geben Sie mir
wegen meiner Unachtsamkeit einen derben Verweis, und schicken Sie mir aufs
eiligste eine andere Abschrift des Liedgens, damit ich daraus sehe, ob ich meine
Unruhe zu vermehren oder zu vermindern Ursache habe. Gewissermassen wäre ich
berechtiget mit Ihnen zu schmälen, dass Sie mir durch Ihre Leichtfertigkeit ein
solches Unheil zugezogen haben. Wenn ich es tun wollte oder Herzhaftigkeit
genug besäße, so hätte ich keine unrechte Erfindung im Kopfe mich ein wenig an
Ihnen disfalls zu rächen. Ich dürfte den Major über seinen Raub nur zur Rede
setzen; ich könnte ihm sagen, ich wäre im Begriff gewesen, Ihnen seine Abreise
zu melden, und weil ich glaubte, dass Sie Sich darüber betrüben würden, so hätte
ich Ihnen zum Trost das Liedgen mitschicken wollen, das er in meinem Klavier
gefunden. Wahrhaftig, ich muss Ihnen diesen Streich spielen, um mich aus dem
Handel zu ziehen. Er dürfte, wenn ich ein gänzliches Stillschweigen beobachtete,
auf die Gedanken geraten, als wenn mir seine Abreise so nahe ging, dass ich ihm
zu Ehren ein Abschiedsliedgen hervorgesuchet hätte. Es ist am besten, dass ich
ihm diese ungegründeten Gedanken benehme, und die Sache für einen Scherz
ausgebe, den ich mit Ihnen habe treiben wollen.
    Sie bedauern, dass Sie durch die Abreise des Majors um das Vergnügen kommen
ihn zu einem Mitgliede in der Akademie des Herrn v.N. aufnehmen zu lassen, um
sich an den schönen Reden, die Sie ihn haben wollen halten lassen, zu erbauen:
Sie können diese Freude noch haben; er wird sich noch einen ganzen Monat hier
aufhalten. Allein wenn Sie
