 dem Kopfe zu erzeugen, anstatt sich
die tägliche Nahrung aus der einfachen Wirklichkeit zu holen.
    Der Verfasser dieser Geschichte fühlt sich hier veranlasst, sich
gewissermaßen zu entschuldigen, dass er so oft und so lange bei diesen
Künstlersachen und Entwickelungen verweilt, und sogar eine kleine Rechtfertigung
zu versuchen. Es ist nicht seine Absicht, sosehr es scheinen möchte, einen
sogenannten Künstlerroman zu schreiben und diese oder jene Kunstanschauungen
durchzuführen, sondern die vorliegenden Kunstbegebenheiten sind als reine
gegebene Facta zu betrachten, und was das Verweilen bei denselben betrifft, so
hat es allein den Zweck, das menschliche Verhalten, das moralische Geschick des
grünen Heinrich und somit das Allgemeine in diesen scheinbar zu absonderlichen
und berufsmässigen Dingen zu schildern. Wenn oft die Klage erhoben wird, dass die
Helden mancher Romane sich eigentlich mit nichts beschäftigen und durch einen
andauernden Müßiggang den fleißigen Leser ärgern, so dürfte sich der Verfasser
sogar noch beglückwünschen, dass der seinige wenigstens etwas tut, und wenn er
auch nur Landschaften verfertigt. Das Handwerk hat einen goldenen Boden und ganz
gewiss in einem Romane ebensowohl wie anderswo. Übrigens ist nur zu wünschen, dass
der weitere Verlauf die Endabsicht klarmachen und der aufmerksame Leser
inzwischen solche Stellen dulden und von besagtem Standpunkte aus ansehen möge.
    Also Heinrich versenkte sich nun ganz in jene geistreiche und symbolische
Art. Da er seine Jugendjahre meistens im Freien zugebracht, so bewahrte er in
seinem Gedächtnisse, unterstützt von einer lebendigen Vorstellungskraft und
seinen alten Studienblättern, eine ziemliche Kenntnis der grünen Natur, und
dieser Jugendschatz kam ihm jetzt gut zustatten; denn von ihm zehrte er diese
ganzen Jahre. Aber dieser Vorrat blasste endlich aus, man sah es an Heinrichs
Bäumen; je geistreicher und gebildeter diese wurden, desto mehr wurden sie grau
oder bräunlich, statt grün; je künstlicher und beziehungsreicher seine
Steingruppierungen und Steinchen sich darstellten, seine Stämme und Wurzeln,
desto blasser waren sie, ohne Glanz und Tau, und am Ende wurden alle diese Dinge
zu bloßen schattenhaften Symbolen, zu gespenstigen Schemen, welche er mit wahrer
Behendigkeit regierte und in immer neuen Entwürfen verwandte. Er malte überhaupt
nur wenig und machte selten etwas ganz fertig; desto eifriger war er dahinter
her, in Schwarz oder Grau große Kartons und Skizzen auszuführen, welche immer
einen bestimmten, sehr gelehrten oder poetischen Gedanken enthielten und sehr
ehrwürdig aussahen.
    Und merkwürdigerweise waren diese Gegenstände fast immer solche, deren Natur
er nicht aus eigener Anschauung kannte, ossianische oder nordisch mytologische
Wüsteneien, zwischen deren Felsenmälern und knorrigen Eichenhainen man die
Meereslinie am Horizonte sah, düstere Heidebilder mit ungeheuren Wolkenzügen, in
welchen ein einsames Hünengrab ragte, oder förmliche Kulturbilder, welche etwa
einen deutschen Landstrich im Mittelalter, mit gotischen Städtchen, Brücken,
Klöstern, Stadtmauern, Galgen, Gärten, kurz ein ganzes Weichbild
