 aus sogenannten Phantasiefarben, welche in der Natur nicht
anzutreffen waren, wenigstens nicht an der Stelle, wo sie gerade angewendet
erschienen; allein sie spielten glänzend und ansprechend ineinander für den
unkundigen Beschauer. Diese gewandte, obschon falsche Technik war das
eigentliche Wissen meines Meisters, und er legte alles Gewicht seines
Unterrichtes auf diesen Punkt. Da er, während meiner Übungen mit Stift, Kreide
und Feder, über den Zweck derselben, als da sind die Eigentümlichkeiten in den
Ausladungen, den Silhouetten und Laubmassen der Bäume, sowie ihrer Charaktere,
der Rinden und liste, nicht viel zu sagen wusste, so veranlasste er mich bald, die
litographierten Pariser Blätter, welche große effektvolle Baumgruppen
enthielten, in Tusche, Sepia und dergleichen zu kopieren. Da diese Sachen nicht
sehr gründlich und gut gezeichnet, hingegen in Ton und Haltung äußerst klar und
kräftig waren, wobei vieles der vollendeten Technik des Steindruckes
zugeschrieben werden konnte, so boten sie meinem Vorgesetzten günstige
Gelegenheit, seine Erfahrung und Strenge hinsichtlich durchsichtiger und reiner
Töne und Halbtone an den Mann zu bringen.
    Anfänglich hielt er mich eine Weile in respektierlicher Abhängigkeit, indem
ich den Unterschied zwischen einem transparenten scharfen und einem russigen
stumpfen Vortrage nicht recht begriff und mehr auf Form und Charakter sah; doch
endlich, durch das fortwährende Pinseln, geriet ich hinter das Geheimnis, und
nun fertigte ich in einem fixen Jargon eine Menge brillanter Tuschzeichnungen
an, ein Blatt ums andere. Schon sah ich nur auf die Zahl des Gemachten und hatte
meine Freude an der anschwellenden Mappe, kaum dass bei meiner Wahl die
wirkungsvollsten und auffallendsten Gegenstände mir noch eine weitere Teilnahme
abgewannen. So war, noch ehe der erste Winter ganz zu Ende, schon meines Lehrers
ganzer Vorrat an Vorlagen von mir durchgemacht, und zwar auf eine Weise, wie er
es selbst ungefähr konnte; denn nachdem ich einmal die Handgriffe und Mittel
einer sorgfältigen und reinlichen Behandlung gemerkt, erstieg ich bald den Grad
geläufiger Pinselei, welchen der Meister selbst innehatte, um so schneller, als
ich in dem wahren Wesen und Verständnis um so mehr und gänzlich zurückblieb.
Habersaat war desnahen schon nach dem ersten halben Jahre in einiger
Verlegenheit, was er mir vorlegen sollte, da er mich aus Sorge für sich selbst
nicht schon in seine ganze Kunst einweihen mochte; denn er hatte nun nur noch
seine gewandte Behandlung der Wasserfarben im Hinterhalte, welche, wie er sie
verstand, ebenfalls keine Hexerei war. Weil Nachdenken und geistige
Gewissenhaftigkeit im Refektorium nicht gekannt waren, so bestand alles Können
in demselben aus einer bald erworbenen leeren Äusserlichkeit. Doch fand ich
selbst einen Ausweg, als ich erklärte, eine kleine Sammlung großer Kupferstiche
mit meinem Tuschpinsel vornehmen zu wollen. Er besaß in derselben etwa sechs
schöne Blätter nach Klaude Lorrain, von
