, welche uns ziemen und zieren.«
    Sie bekam gleich Gelegenheit, diese Tugenden einzuschärfen, und zugleich den
Besuchenden von ihrem Ansehen zu überzeugen. Denn in einer an den Gang, über den
sie wanderten, stossenden Stube, worin Hermann kurz zuvor eine Menge junger
Mädchen bei häuslicher Arbeit eingepfercht gesehen hatte, erhob sich ein
ungemeiner Lärmen und heftiger Streit. Sofort rief die Edukationsrätin mit
donnernder Stimme: »Still!« und stampfte mit dem Stocke, den sie beständig in
der Hand führte, heftig auf den Fußboden; worauf augenblicklich die tiefste Ruhe
eintrat.
    Beim Abschiede legte der Edukationsrat Hermann die Hand auf die Schulter,
und sagte mit Feierlichkeit: »Ich freue mich, einen Mann gefunden zu haben, der
mit Aufmerksamkeit Grundsätze anhört, von welchen, wenn sie durchdringen, die
Erneuung des Menschengeschlechts beginnen muss. Mehr könnte ich wirken, wenn mir
der Rektor mit seinem Gymnasio nicht auf dem Halse säße. Dieser Mann, sonst ein
achtungswerter Gelehrter und gewissermaßen mein Freund, schadet mir durch sein
falsches Beispiel über alle Begriffe. So muss ich notgedrungen Ferien halten,
weshalb Sie auch jetzt alle Knabenzimmer leer sehen. Denn obgleich sie das ganze
Jahr hindurch nur spielend lernen, und also einer besonderen Erholungszeit nicht
bedürfen, so regt sich in ihnen jedesmal eine unbezwingliche Unruhe, wenn sie
die Gymnasiasten abziehen sehen, und ich muss sie dann wider Willen entlassen.
Deshalb habe ich auch vor, wenn es sich irgend tun lässt, fortzuziehn, und meine
Anstalt in eine abgelegne Gegend des Gebirgs, wo sie vor schädlichen Einflüssen
gesichert ist, zu verpflanzen.«
    Obgleich Hermann in dem, was er von beiden Personen gehört hatte, den guten
Willen und auch zum Teil das Richtige nicht verkennen mochte, so war die
Lokalität doch wenig geeignet, in ihm die Behaglichkeit hervorzubringen, welche
das Haus des Rektors gleich entschieden in ihm erweckt hatte. Denn außer dem
Wüsten und wenig Erfreulichen der nicht ausgebauten Räume hatte sein Auge der
Anblick mancher Unordnung verletzt, welche in Zimmern und Vorplätzen trotz den
Worten der Edukationsrätin sich dort bemerken ließ. Um die Stunden hinzubringen,
ging er in die Bibliothek des Rektors, wozu ihm dieser gleich nach den ersten
Begrüßungen die Erlaubnis gegeben hatte. Sie war wegen ihrer Größe nicht im
Studierzimmer aufgestellt, sondern hing nur mit diesem durch ein kleines Gemach
zusammen. Ausgestattet mit allem, was zur klassisch-philologischen Rüstkammer
gehört, war sie besonders reich an Apparaten zum Eutropius. Der Rektor hatte auf
eine Ausgabe dieses untergeordneten Schriftstellers große Mühe und viele Zeit
verwendet, und denn auch ein Werk geliefert, welches in der gelehrten Welt nur
rühmlichst genannt wurde.
    Es fehlte indessen dieser Büchersammlung ebenfalls nicht an Engländern und
Deutschen. Er nahm ein englisches Buch, in welchem Menschen-
