. Kasanova schien sie kaum
selbst für den Druck bestimmt zu haben, und durch einen Zufall gerieten sie,
viele Jahre nach seinem Tode, in die Hände eines deutschen Buchhändlers, der das
französisch geschriebene Manuskript für einen Spottpreis erkaufte, und nachher
Tausende damit gewonnen hat. Sie brechen gegen das Ende fragmentarisch ab, und
den Mitteilungen des geistreichen Fürsten von Ligne danken wir den Aufschluss
über des Venetianers spätere Lebensverhältnisse. Sind jedoch seine Memoiren nur
zur Unterhaltung erfunden, erlogen, so bleibt Kasanova als Erfinder und Lügner,
und als nach dem Leben treffender Charakterzeichner seiner Zeit und seiner
Zeitgenossen, noch immer einer der größten Schriftsteller, die je erfunden und
gelogen haben. Sind aber seine Memoiren, was ich glaube, wahr (das heißt: in dem
durch Goethe bekannt gewordenen Sinne selbstbiographischer Wahrheit und
Dichtung), sind sie wahr, und hat der wunderbare Mensch alles dies wahrhaftig
erlebt, was er mit seiner bezaubernden Feder wie aus raschen Erinnerungen
glänzend hinwirft, so ist er der größte Weltmann, den das moderne Zeitalter hat
geboren werden sehen! Etwas Außerordentliches bleibt immer an ihm.
    Der Alte schlug hier wieder dreimal mit der Faust auf den Tisch, so dass ich,
obgleich an dieses Zeichen schon gewöhnt, erschrocken innehielt. Er befahl aber
nur, mir von neuem ein Glas Milch vorzusetzen, wahrscheinlich damit meiner
Apologie die Kehle nicht trocken werden möchte. Mit größerer Aufmerksamkeit zu
ihm hingewandt, fuhr ich fort, mich auszusprechen.
    Den größten Weltmann neuerer Zeiten habe ich ihn genannt, und möchte ihn
zugleich einen Ritter nennen. Einen Ritter des Weltlebens, einen Ritter und
einen Sieger. In einer unchevaleresken Zeit, in einer trägen bürgerlichen Epoche
seines Jahrhunderts, war er der Mann der Avantüre, der auf dem Schauplatz des
ganzen civilisirten und uncivilisirten Europa mit der siegenden Macht der
Persönlichkeit erschien, überall sogleich der Mittelpunkt der interessantesten
Beziehungen wurde, als Held des Tages sich der Meinungen und der Gemüter
bemächtigte, und die Rolle, die er übernommen, jedesmal auf eine ritterliche
Weise zu Ende brachte. Die Blüte der Mannhaftigkeit, die mit kräftigen
Siegerarmen jedes Genusses ungestraft sich versichert, ging zu einer sonnigen
Gestalt in ihm auf. Lebensmut, Eitelkeit, Leidenschaft und Wissbegierde waren
die windschnellen Rosse, die ihn schnaubend und mit verhängten Zügeln durch die
ganze Welt von dannen trugen, ohne dass er mitten im Rasen und Stürmen jemals die
edle Haltung des Reiters verloren hätte. So ist er mir immer wie eine in der
Klarheit des Weltmanns ausgesöhnte Mischung von Don Juan und Faust vorgekommen!
Die Kritiker haben in neuerer Zeit viel von der Verwandtschaftlichkeit beider
Myten gesprochen, während ich dabei immer an Kasanova gedacht, der als der
Weltmann beider Richtungen dasteht, und mit der Klugheit und Sicherheit eines
solchen dieser Polarität, die
