 eines poetischen Werkes
verspricht, müsste sich nie in den Fall setzen, so fehlen zu können.«
    »Ich wünschte fast, es gäbe gar keine Deklamatoren in der Welt,« sprach Frau
von Willnangen; »wenigstens fühle ich immer das innigste Mitleid, wenn ich einen
jungen Menschen sehe, der von falschverstandner Kunstliebe sich verleiten ließ,
diesen Weg zu wählen, um darauf durch die Welt zu kommen.«
    »Denen jungen Herren, die weder Lust zum Graben noch zum Erlernen
gründlicher Kenntnisse haben, scheint dieser Weg aber sehr lustig und bequem,«
erwiderte der Professor, »sie denken noch obendrein, etwas Ungemeines für die
Kunst zu tun, wenn sie von Stadt zu Stadt gehen und pathetisch hersagen, was
andre Leute gedichtet haben, und was jeder seit der Erfindung der
Buchdruckerkunst in seinem Kabinet lesen und sich dabei das gerade für ihn
Passende auswählen kann.«
    »dabei sind sie gewöhnlich in offenbarem Zwiespalt mit sich selbst,« setzte
Ernesto hinzu. Deklamiren mit Aktion oder ohne Aktion, das ist die Frage, die
sie nie lösen können. Ersteres mitten im Zimmer auf plattem Boden, hat denn doch
immer etwas komisches, abgerechnet, dass es auch dem eigentlichen Begriffe des
Deklamirens ganz entgegen steht. Und sich beim Deklamiren im übrigen ganz ruhig
zu verhalten, ist fast unmöglich, oder wird es erzwungen, so kann niemand sich
an dem Anblick freuen. Eigentliches Deklamiren möchte ich ganz auf das Theater
oder auf die Bühne der Volksredner verweisen, wenn es deren noch außer den
Kanzeln welche gäbe; zur gesellschaftlichen Unterhaltung aber würde ich bloßes
Vorlesen mit Ausdruck und Präzision allen Deklamatorien vorziehen.«
    Es ward über diesen Gegenstand noch viel hin- und hergestritten, bis Ernesto
Gabrielen aufforderte, den Streit zu beenden und der Gesellschaft zu zeigen, was
er mit Vorlesen eigentlich meine. Er kannte ihr schönes, sorgfältig von der
Mutter gebildetes Talent, und ergriff gern diese, wie jede Gelegenheit, seine
junge Freundin nicht sowohl an das Licht zu ziehen, als vielmehr sie von der
ängstlichen Befangenheit gänzlich zu befreien, von welcher sie noch zuweilen
befallen ward. Auch diesesmal gewährte sie nur mit innerem Zagen seinen Wunsch,
überflog schnell mit den Augen ein Blatt, welches Ernesto ihr reichte, während
die Lichter gerückt wurden und der Kreis der Anwesenden sich um sie her ordnete.
Sie las zuerst etwas zaghaft, dann aber mit immer steigendem Affekt, immer
eindringender, immer wahrer in Ton und Ausdruck, ganz sich und alle um sich her
vergessend, wie an jenem Abende, als sie in Ottokars Gegenwart sang: la pura
fiamma che m' arde in petto. Kein Hauch regte sich, alle waren an ihren Vortrag
wie gebannt, denn man hörte, was sie las, war
