«, versetzte Wilhelm; »da, wo
ich dergleichen nicht anzutreffen hoffte, zwischen Tannen und Felsen,
überraschte mich weniger ein reiner Frommsinn als ein erquicklich frisches Obst.
Die Gaben des Geistes sind überall zu Hause, die Geschenke der Natur über den
Erdboden sparsam ausgeteilt.«
    »Ferner hat unser würdiger Landherr von entfernten Orten manches Notwendige
dem Gebirge näher gebracht; in diesen Gebäuden am Fuße hin finden Sie Salz
aufgespeichert und Gewürze vorrätig. Für Tabak und Branntwein lässt er andere
sorgen; dies seien keine Bedürfnisse, sagt er, sondern Gelüste, und da würden
sich schon Unterhändler genug finden.«
    Angelangt am bestimmten Orte, einem geräumigen Försterhause im Walde, fand
sich die Gesellschaft zusammen und bereits eine kleine Tafel gedeckt. »Setzen
wir uns«, sagte Hersilie; »hier steht zwar der Stuhl des Oheims, aber gewiss wird
er nicht kommen, wie gewöhnlich. Es ist mir gewissermaßen lieb, dass unser neuer
Gast, wie ich höre, nicht lange bei uns verweilen wird: denn es müsste ihm
verdrießlich sein, unser Personal kennen zu lernen, es ist das ewig in Romanen
und Schauspielen wiederholte: ein wunderlicher Oheim, eine sanfte und eine
muntere Nichte, eine kluge Tante, Hausgenossen nach bekannter Art; und käme nun
gar der Vetter wieder, so lernte er einen phantastischen Reisenden kennen, der
vielleicht einen noch sonderbarern Gesellen mitbrächte, und so wäre das leidige
Stück erfunden und in Wirklichkeit gesetzt.«
    »Die Eigenheiten des Oheims haben wir zu ehren«, versetzte Juliette; »sie
sind niemanden zur Last, gereichen vielmehr jedermann zur Bequemlichkeit. Eine
bestimmte Tafelstunde ist ihm nun einmal verdrießlich, selten, dass er sie
einhält, wie er denn versichert: eine der schönsten Erfindungen neuerer Zeit sei
das Speisen nach der Karte.«
    Unter manchen andern Gesprächen kamen sie auf die Neigung des werten Mannes,
überall Inschriften zu belieben. »Meine Schwester«, sagte Hersilie, »weiß sie
sämtlich auszulegen, mit dem Kustode versteht sie's um die Wette; ich aber
finde, dass man sie alle umkehren kann und dass sie alsdann ebenso wahr sind, und
vielleicht noch mehr.« - »Ich leugne nicht«, versetzte Wilhelm, »es sind Sprüche
darunter, die sich in sich selbst zu vernichten scheinen; so sah ich z.B. sehr
auffallend angeschrieben: Besitz und Gemeingut; heben sich diese beiden Begriffe
nicht auf?«
    Hersilie fiel ein: »Dergleichen Inschriften, scheint es, hat der Oheim von
den Orientalen genommen, die an allen Wänden die Sprüche des Korans mehr
verehren als verstehen.« Juliette, ohne sich irren zu lassen, erwiderte auf
obige Frage: »Umschreiben Sie die wenigen Worte, so wird der Sinn
