 immer gleichsam die Waage halten und so nah verwandt
immer eine zu der andern sich hinneigt, so dass die Kunst nicht sinken kann, ohne
in löbliches Handwerk überzugehen, das Handwerk sich nicht steigern, ohne
kunstreich zu werden.
    Beide Personen fügten und gewöhnten sich so vollkommen aneinander, dass sie
sich nur ungern trennten, als es nötig ward, um ihren eigentlichen großen
Zwecken entgegenzugehen.
    »Damit man aber nicht glaube«, sagte der Meister, »dass wir uns von der Natur
ausschließen und sie verleugnen wollen, so eröffnen wir eine frische Aussicht.
Drüben über dem Meere, wo gewisse menschenwürdige Gesinnungen sich immerfort
steigern, muss man endlich bei Abschaffung der Todesstrafe weitläufige Kastelle,
ummauerte Bezirke bauen, um den ruhigen Bürger gegen Verbrechen zu schützen und
das Verbrechen nicht straflos walten und wirken zu lassen. Dort, mein Freund, in
diesen traurigen Bezirken, lassen Sie uns dem Äskulap eine Kapelle vorbehalten,
dort, so abgesondert wie die Strafe selbst, werde unser Wissen immerfort an
solchen Gegenständen erfrischt, deren Zerstückelung unser menschliches Gefühl
nicht verletze, bei deren Anblick uns nicht, wie es Ihnen bei jenem schönen,
unschuldigen Arm erging, das Messer in der Hand stocke und alle Wissbegierde vor
dem Gefühl der Menschlichkeit ausgelöscht werde.«
    »Dieses«, sagte Wilhelm, »waren unsre letzten Gespräche, ich sah die
wohlgepackten Kisten den Fluss hinabschwimmen, ihnen die glücklichste Fahrt und
uns eine gemeinsame frohe Gegenwart beim Auspacken wünschend.«
    Unser Freund hatte diesen Vortrag mit Geist und Enthusiasmus wie geführt so
geendigt, besonders aber mit einer gewissen Lebhaftigkeit der Stimme und
Sprache, die man in der neueren Zeit nicht an ihm gewohnt war. Da er jedoch am
Schluss seiner Rede zu bemerken glaubte, dass Lenardo, wie zerstreut und abwesend,
das Vorgetragene nicht zu verfolgen schien, Friedrich hingegen gelächelt,
einigemal beinahe den Kopf geschüttelt habe, so fiel dem zart empfindenden
Mienenkenner eine so geringe Zustimmung bei der Sache, die ihm höchst wichtig
schien, dergestalt auf, dass er nicht unterlassen konnte, seine Freunde deshalb
zu berufen.
    Friedrich erklärte sich hierüber ganz einfach und aufrichtig, er könne das
Vornehmen zwar löblich und gut, keineswegs aber für so bedeutend, am wenigsten
aber für ausführbar halten. Diese Meinung suchte er durch Gründe zu
unterstützen, von der Art, wie sie demjenigen, der für eine Sache eingenommen
ist und sie durchzusetzen gedenkt, mehr, als man sich vorstellen mag,
beleidigend auffällt. Deshalb denn auch unser plastischer Anatom, nachdem er
einige Zeit geduldig zuzuhören schien, lebhaft erwiderte:
    »Du hast Vorzüge, mein guter Friedrich, die dir niemand leugnen wird, ich am
wenigsten, aber hier sprichst du wie gewöhnliche Menschen gewöhnlich; am Neuen
sehen sie nur das Seltsame, im
