 habhaft zu werden, so sind Komödien- und Tragödiendichter
geborgen. Der losere Zustand, in dem eine solche Gesellschaft lebt, macht ihre
Genossen mehr mit der eigentlichen Schönheit der unverhüllten Glieder bekannt
als irgendein anderes Verhältnis; selbst verschiedene Kostüms nötigen, zur
Evidenz zu bringen, was sonst herkömmlich verhüllt wird. Hievon hätt' ich viel
zu sagen, so auch von körperlichen Mängeln, welche der kluge Schauspieler an
sich und andern kennen muss, um sie, wo nicht zu verbessern, wenigstens zu
verbergen, und auf diese Weise war ich vorbereitet genug, dem anatomischen
Vortrag, der die äußern Teile näher kennen lehrte, eine folgerechte
Aufmerksamkeit zu schenken; so wie mir denn auch die innern Teile nicht fremd
waren, indem ein gewisses Vorgefühl davon mir immer gegenwärtig geblieben war.
Unangenehm hindernd war bei dem Studium die immer wiederholte Klage vom Mangel
der Gegenstände, über die nicht hinreichende Anzahl der verblichenen Körper, die
man zu so hohen Zwecken unter das Messer wünschte. Solche, wo nicht hinreichend,
doch in möglichster Zahl zu verschaffen, hatte man harte Gesetze ergehen lassen,
nicht allein Verbrecher, die ihr Individuum in jedem Sinne verwirkt, sondern
auch andere körperlich, geistig verwahrloste Umgekommene wurden in Anspruch
genommen.
    Mit dem Bedürfnis wuchs die Strenge und mit dieser der Widerwille des Volks,
das in sittlicher und religioser Ansicht seine Persönlichkeit und die
Persönlichkeit geliebter Personen nicht aufgeben kann.
    Immer weiter aber stieg das Übel, indem die verwirrende Sorge hervortrat,
dass man auch sogar für die friedlichen Gräber geliebter Abgeschiedener zu
fürchten habe. Kein Alter, keine Würde, weder Hohes noch Niedriges war in seiner
Ruhestätte mehr sicher; der Hügel, den man mit Blumen geschmückt, die
Inschriften, mit denen man das Andenken zu erhalten getrachtet, nichts konnte
gegen die einträgliche Raubsucht schützen; der schmerzlichste Abschied schien
aufs grausamste gestört, und indem man sich vom Grabe wegwendete, musste schon
die Furcht empfunden werden, die geschmückten, beruhigten Glieder geliebter
Personen getrennt, verschleppt und entwürdigt zu wissen.
    Alles dieses kam wiederholt und immer durchgedroschener zur Sprache, ohne
dass irgend jemand an ein Hilfsmittel gedacht hätte oder daran hätte denken
können, und immer allgemeiner wurden die Beschwerden, als junge Männer, die mit
Aufmerksamkeit den Lehrvortrag gehört, sich auch mit Hand und Auge von dem
bisher Gesehenen und Vernommenen überzeugen und sich die so notwendige Kenntnis
immer tiefer und lebendiger der Einbildungskraft überliefern wollten.
    In solchen Augenblicken entsteht eine Art von unnatürlichem
wissenschaftlichem Hunger, welcher nach der widerwärtigsten Befriedigung wie
nach dem Anmutigsten und Notwendigsten zu begehren aufregt.
    Schon einige Zeit hatte ein solcher Aufschub und Aufenthalt die Wissens- und
Tatlustigen beschäftigt und unterhalten, als endlich ein Fall, über den die
Stadt in Bewegung geriet, eines Morgens das Für und Wider für
