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Erinnerungsbücher, Auszüge beim Lesen alter und neuer Schriftsteller entaltend,
wieder zur Hand. Bei seiner Vorliebe für Horaz und die römischen Dichter war das
meiste daher, und es fiel ihm auf, dass die Stellen größtenteils Bedauern
vergangner Zeit, vorübergeschwundner Zustände und Empfindungen andeuteten. Statt
vieler rücken wir die einzige Stelle hier ein:
»Heu!
Quae mens est hodie, cur eadem non puero fuit?
Vel cur his animis incolumes non redeunt genae!«
»Wie ist heut mir doch zumute?
So vergnüglich und so klar!
Da bei frischem Knabenblute
Mir so wild, so düster war.
Doch wenn mich die Jahre zwacken,
Wie auch wohlgemut ich sei,
Denk' ich jene roten Backen,
Und ich wünsche sie herbei.«
Nachdem unser Freund nun aus wohlgeordneten Papieren das Jagdgedicht gar bald
herausgefunden, erfreute er sich an der sorgfältigen Reinschrift, wie er sie vor
Jahren mit lateinischen Lettern, groß Oktav, zierlichst verfasst hatte. Die
köstliche Brieftasche von bedeutender Größe nahm das Werk ganz bequem auf, und
nicht leicht hat ein Autor sich so prächtig eingebunden gesehen. Einige Zeilen
dazu waren höchst notwendig; Prosaisches aber kaum zulässig. Jene Stelle des
Ovid fiel ihm wieder ein, und er glaubte jetzt durch eine poetische
Umschreibung, so wie damals durch eine prosaische, sich am besten aus der Sache
zu ziehen. Sie hieß:
»Nec factas solum vestes spectare juvabat,
Tum quoque dum fierent; tantus decor adfuit arti.«
                                  Zu Deutsch:
»Ich sah's in meisterlichen Händen
- Wie denk' ich gern der schönen Zeit! -
Sich erst entwickeln, dann vollenden
Zu nie gesehner Herrlichkeit.
Zwar ich besitz' es gegenwärtig,
Doch soll ich mir nur selbst gestehen:
Ich wollt', es wäre noch nicht fertig,
Das Machen war doch gar zu schön!«
Mit diesem Übertragenen war unser Freund nur wenige Zeit zufrieden; er tadelte,
dass er das schöne flektierte Verbum: dum fierent, in ein traurig abstraktes
Substantivum verändert habe, und es verdross ihn, bei allem Nachdenken die Stelle
doch nicht verbessern zu können. Nun ward auf einmal seine Vorliebe zu den alten
Sprachen wieder lebendig, und der Glanz des Deutschen Parnasses, auf den er doch
auch im stillen hinaufstrebte, schien ihm sich zu verdunkeln.
    Endlich aber, da er dieses heitere Kompliment, mit dem Urtexte unverglichen,
noch ganz artig fand und glauben durfte, dass ein Frauenzimmer es ganz wohl
aufnehmen würde, so entstand eine zweite Bedenklichkeit: dass, da man in Versen
nicht galant sein kann, ohne verliebt zu scheinen, er dabei als künftiger
Schwiegervater eine wunderliche Rolle spiele. Das Schlimmste jedoch fiel ihm
zuletzt ein: jene Ovidischen Verse werden von Arachnen gesagt, einer ebenso
geschickten
