 Vorteilen, die Blondinen eigen sind.
    Diese Schönheit, diese Anmut erschreckte Lenardon. Seine Augen hatten das
braune Mädchen gesucht; nun leuchtete ihm ein ganz anderes entgegen. Auch dieser
Züge erinnerte er sich; ihre Anrede, ihr Betragen versetzten ihn bald aus jeder
Ungewissheit: es war die Tochter des Gerichtshalters, der bei dem Oheim in großem
Ansehen stand, deshalb denn auch dieser bei der Ausstattung sehr viel getan und
dem neuen Paare behilflich gewesen. Dies alles und mehr noch wurde von der
jungen Frau zum Antrittsgrusse fröhlich erzählt, mit einer Freude, wie sie die
Überraschung eines Wiedersehens ungezwungen äußern lässt. Ob man sich
wiedererkenne, wurde gefragt; die Veränderungen der Gestalt wurden beredet,
welche merklich genug bei Personen dieses Alters gefunden werden. Valerine war
immer angenehm, dann aber höchst liebenswürdig, wenn Fröhlichkeit sie aus dem
gewöhnlichen gleichgültigen Zustande herausriss. Die Gesellschaft ward gesprächig
und die Unterhaltung so lebhaft, dass Lenardo sich fassen und seine Bestürzung
verbergen konnte. Wilhelm, dem der Freund geschwind genug von diesem seltsamen
Ereignis einen Wink gegeben hatte, tat sein mögliches, um diesem beizustehen;
und Valerinens kleine Eitelkeit, dass der Baron, noch ehe er die Seinigen
gesehen, sich ihrer erinnert, bei ihr eingekehrt sei, ließ sie auch nicht den
mindesten Verdacht schöpfen, dass hier eine andere Absicht oder ein Missgriff
obwalte.
    Man blieb bis tief in die Nacht beisammen, obgleich beide Freunde nach einem
vertraulichen Gespräch sich sehnten, das denn auch sogleich begann, als sie sich
in dem Gastzimmer allein sahen.
    »Ich soll, so scheint es«, sagte Lenardo, »meine Qual nicht loswerden. Eine
unglückliche Verwechslung des Namens, merke ich, verdoppelt sie. Diese blonde
Schönheit habe ich oft mit jener Braunen, die man keine Schönheit nennen durfte,
spielen sehen; ja ich trieb mich selbst mit ihnen, obgleich so vieles älter, in
den Feldern und Gärten herum. Beide machten nicht den geringsten Eindruck auf
mich, ich habe nur den Namen der einen behalten und ihn der andern beigelegt.
Nun finde ich die, die mich nichts angeht, nach ihrer Weise über die Massen
glücklich, indessen die andere, wer weiß wohin, in die Welt geworfen ist.«
    Den folgenden Morgen waren die Freunde beinahe früher auf als die tätigen
Landleute. Das Vergnügen, ihre Gäste zu sehen, hatte Valerinen gleichfalls
zeitig geweckt. Sie ahnte nicht, mit welchen Gesinnungen sie zum Frühstück
kamen. Wilhelm, der wohl einsah, dass ohne Nachricht von dem nussbraunen Mädchen
Lenardo sich in der peinlichsten Lage befinde, brachte das Gespräch auf frühere
Zeiten, auf Gespielen, aufs Lokal, das er selbst kannte, auf andere
Erinnerungen, so dass Valerine zuletzt ganz natürlich darauf kam, des nussbraunen
Mädchens
