 hielt sich Friedrich, der dieses Buch hoch in Ehren hielt, nicht
länger. »Alles ringsumher«, sagte er, »ist prosaisch und gemein, oder groß und
herrlich, wie wir es verdrossen und träge, oder begeistert ergreifen. Die größte
Sünde aber unsrer jetzigen Poesie ist meines Wissens die gänzliche Abstraktion,
das abgestandene Leben, die leere, willkürliche, sich selbst zerstörende
Schwelgerei in Bildern. Die Poesie liegt vielmehr in einer fortwährend
begeisterten Anschauung und Betrachtung der Welt und der menschlichen Dinge, sie
liegt ebensosehr in der Gesinnung als in den lieblichen Talenten, die erst durch
die Art ihres Gebrauches groß werden. Wenn in einem sinnreichen, einfach
strengen, männlichen Gemüte auf solche Weise die Poesie wahrhaft lebendig wird,
dann verschwindet aller Zwiespalt: Moral, Schönheit, Tugend und Poesie, alles
wird eins in den adeligen Gedanken, in der göttlichen, sinnigen Lust und Freude,
und dann mag freilich das Gedicht erscheinen, wie ein in der Erde
wohlgegründeter, tüchtiger, schlanker, hoher Baum, wo grob und fein erquicklich
durcheinander wächst, und rauscht und sich rührt zu Gottes Lobe. Und so ist mir
auch dieses Buch jedesmal vorgekommen, obgleich ich gern zugebe, dass der Autor
in stolzer Sorglosigkeit sehr unbekümmert mit den Worten schaltet, und sich nur
zu oft daran ergötzt, die kleinen Zauberdinger kurios auf den Kopf zu stellen.«
    Die Frauenzimmer machten große Augen, als Friedrich unerwartet so sprach.
Was er gesagt, hatte wenigstens den gewissen, guten Klang, der ihnen bei allen
solchen Dingen die Hauptsache war. Romana, die es von weitem flüchtig mit
angehört, fing an, ihn mit ihren dunkelglühenden Augen bedeutender anzusehen.
Friedrich aber dachte: in euch wird doch alles Wort nur wieder Wort, und wandte
sich zu einem schlichten Manne, der vom Lande war und weniger mit der Literatur
als mit dieser Art, sie zu behandeln, unbekannt zu sein schien.
    Dieser erzählte ihm, wie er jenem Romane eine seltsame Verwandlung seines
ganzen Lebens zu verdanken habe. Auf dem Lande ausschließlich zur Ökonomie
erzogen, hatte er nämlich von frühester Kindheit an nie Neigung zum Lesen und
besonders einen gewissen Widerwillen gegen alle Poesie, als einen unnützen
Zeitvertreib. Seine Kinder dagegen ließ seit ihrem zartesten Alter einen
unüberwindlichen Hang und Geschicklichkeit zum Dichten und zur Kunst verspüren,
und alle Mittel, die er anwandte, waren nicht imstande, sie davon abzubringen
und sie zu tätigen, ordentlichen Landwirten zu machen. Vielmehr lief ihm der
älteste Sohn fort und wurde wider seinen Willen Maler. Dadurch wurde er immer
verschlossener, und seine Abneigung gegen die Kunst verwandelte sich immer
bitterer in entschiedenen Hass gegen alles, was ihr nur anhing. Der Maler hatte
indes eine unglückselige Liebe zu einem jungen, seltsamen Mädchen
