 weitem besser verstehen, und, nur im höchsten Drange der Not und nie ohne
ihrem Wesen zu entsagen, zu dem, was man Unhöflichkeit nennt, gebracht werden
können. Fasset man dies gehörig, so hat man den Schlüssel zu sehr viel
Erscheinungen, welche in der Regel äußerst schlecht interpretirt werden. Um nur
nicht unhöflich sein, oder beleidigen zu müssen, (und beides ist zuletzt
einerlei) hat man sich, wer weiß wie oft, durch eine Vergiftung aus der Affäre
gezogen. Dies ist besonders an großen Höfen der Fall gewesen, wo man noch weit
mehr Ursach hatte, die Folgen eines Skandals in Erwägung zu ziehen, als an
kleineren, wo die Bürgerei zuletzt, wenn gleich in einer etwas veredelten
Gestalt, ihr Wesen forttreibt. Wäre von den Szenen, welche täglich zwischen dem
Prinzen und seiner Gemahlin statt fanden, nur eine einzige an dem französischen
oder spanischen Hofe vorgefallen, so wäre eine Trennung - gleich viel unter
welcher Form - unvermeidlich gewesen. Ich will damit nicht sagen, dass ihre
Feindschaft in der Periode, von welcher hier die Rede ist, den höchsten Gipfel
erstiegen hatte; allein es gibt Verhältnisse, bei welchen es gleich viel ist,
welchen Grad der Verschlimmerung sie erreicht haben, so bald man sagen muss, dass
sie aufgehört haben gut zu sein. Die Erbprinzessin fühlte sich warlich nicht
minder unglücklich, weil ihr Gemahl noch einige Rücksichten nahm, die unter
Personen fürstlichen Standes nie wegfallen dürfen, wenn sie nicht zu dem Pöbel
herabsinken wollen.
    Ich machte sehr bald die Bemerkung, dass ein weit höheres Maß von Kraft
erfordert wird, die Dinge in einem gegebenen Zustande zu erhalten, als sie zu
leiten. Das Erstere ist in der Regel ganz unmöglich; die menschliche Natur ist
es, was diese Unmöglichkeit hervorbringt. Das letztere lässt sich
bewerkstelligen; nur erfordert es eine Überlegenheit des Geistes, wodurch man
den Ausschlag über seine ganze Umgebung gibt. Nichts war dadurch gewonnen
worden, dass ich mich neutralisirt hatte; allein wie meine Taktik so verändern,
dass ich das Verlorne wieder gewann? Diese Aufgabe war schlechterdings nicht zu
lösen, da ich es mit Personen zu tun hatte, durch welche sich kein einziger von
den Planen ausführen ließ, die ich entwerfen konnte. Unaussprechlich leiden sah
ich die Prinzessin, und eben so unaussprechlich blutete mein Herz bei diesem
Anblick; aber wie ich sie retten, oder wenigstens erleichtern sollte, darüber
konnt' ich durchaus nicht mit mir selbst ins Reine kommen. Der Zufall tat
zuletzt mehr, als ich erwartet hatte.
    Es war an einem von den schönen Tagen, durch welche der Frühling zum Sommer
übergeht, als die Prinzessin mich gegen Abend zu sich rufen ließ. Ich eilte in
ihre Nähe; wir waren allein.
