 Adelaide sah sich seit dem Tode
ihres Bruders, der sie zu einer sehr reichen Erbin gemacht hatte, von Bewerbern
umgeben, welche den Augenblick, wo sie sich für den einen oder den anderen von
ihnen erklären würde, nicht zeitig genug erleben konnten. Das Unglück des armen
Mädchens bestand recht eigentlich darin, dass unter diesen Bewerbern kein
einziger war, der ihr Achtung abgewinnen konnte. Ich habe immer bemerkt, dass
diejenigen Frauenzimmer, welche im Besitze bestimmter Talente sind, in die
größte Verlegenheit geraten, so bald es darauf ankommt, über ihre Person zu
disponiren; und in dieser Verlegenheit befand sich auch Adelaide. Was ihre
Freier am meisten in Betrachtung zogen, ihr Vermögen, war gerade das, worauf sie
den geringsten Wert legte. Dagegen brachte sie ihre Fertigkeit in der Musik und
Poesie, oder vielmehr im Klavierspielen und Versemachen, in einen desto höheren
Anschlag; und wo nun unter den jungen Männern ihres Standes denjenigen finden,
den sie der Erwerbung solcher Talente in ihrer Person würdig gehalten hätte? Es
gab Einen, der sich nur hätte zeigen dürfen, um mit offenen Armen von ihr
empfangen zu werden; aber dieser Eine war fern, im Kriegesstrudel umgetrieben,
vollkommen unbekannt mit der Schönen, welche ihn über alle Männer ehrte; es war
der berühmte Kleist, dessen einzelne Gedichte damals anfingen bekannter zu
werden, und der, wenig Monate darauf, in der Schlacht bei Cunersdorf verwundet,
sein Leben nur rettete, um es im Lazaret auszuhauchen. Alle Übrigen mochten sie
noch so sehr loben; da ihr die Idee blieb, dass sie von der Sache selbst nichts
verständen, so konnte sie nicht umhin, sie samt und sonders als ein Pack feiler
Schmeichler zu verachten. Mir leuchtete schon damals ein, dass Adelaide für eine
Ehe so gut als verdorben sei. Hätte sie kein bedeutendes Vermögen gehabt, so
hätte es nur gewisser Umstände bedurft, um ihr die Weiblichkeit wiederzugeben,
welche die Talente ihr genommen hatten; durch die Herrschaft, welche sie als
reiche Eigentümerin über die Umstände ausübte, musste sie ewig verhindert
werden, in die volle Weiblichkeit zurück zu treten. Sie war klug genug, um nur
dem Manne, dessen Anspruchslosigkeit ihr vollendete Freiheit versprach, ihre
Hand zu geben; allein, weil bei ihr alles ins Unendliche ging, so bedurfte sie
für ihre Eigentümlichkeit eines Beschränkers, und da sie diesen in ihrem Gatten
nicht fand, so war es wohl kein Wunder, wenn sie in der Folge von der
Sonderbarkeit zur Seltsamkeit und von dieser zur Albernheit überging.
    Herr von M..., den sie wählte, war ein begüterter Landedelmann, von gesundem
Geist und guten Sitten. Er war unstreitig die beste Partie, die Adelaide machen
konnte; das Schlimme war nur,
