 lieben könnte und
dürfte. Ich müsste mich sehr irren, oder ein Schriftsteller interessiert immer nur
in so fern, als seine Gedanken Abgründe enthalten, in welche man nur schwindelnd
blickt. Mit der natürlichen Vorliebe, welche der Mensch für das Große und Starke
hat, hab' ich in der Folge versucht, mir auch Shakspears Geist anzueignen;
allein dies hat mir nie gelingen wollen, und hab' ich mich anders gehörig
beobachtet, so ist es der Mangel an Züchtigkeit in den Werken des Engländers,
was mich beständig von ihm zurückgeschreckt hat. Shakspear hat nur für Männer
geschrieben, und Weiber, welche seine Trauerspiele und Lustspiele mit Vergnügen
lesen, verderben nichts mehr an sich selbst, wenn sie Pferde zureiten, Armeen
kommandiren, und jedes andere Geschäft verrichten, das die Natur dem Manne
zugeteilt hat. Sie haben ihren Lohn dahin, indem sie der Weiblichkeit entsagt
haben.
    So lange ich auf dem Lande gelebt hatte, waren mir gewisse Empfindungen ganz
unbekannt geblieben. Dahin gehörten die des Mitleids und Erbarmens, für welche
es auf dem Dorfe, das ich in der Gesellschaft meiner Pflegeeltern bewohnte,
keine Gegenstände gab, weil der Überfluss an Naturgütern wohl zur Gefälligkeit,
aber nicht zur Großmut führen kann. In die Hauptstadt versetzt, fand ich nur
allzubald Gelegenheit, aus mir selbst heraus zu treten, um mich mit der
zahllosen Menge derjenigen zu identifiziren, welche, ausgeschlossen von den
Vorteilen der gesellschaftlichen Arbeit, ihre Zuflucht zu der menschlichen
Milde nehmen müssen. Je weniger ich auf den Anblick des Kummers und der Ohnmacht
vorbereitet war, desto heftiger wirkte er auf mich ein. Ich gab, was ich nur
einigermaßen entbehren konnte, und tat mir nicht eher genug, als bis ich die
Entdeckung gemacht hatte, dass man für Hülfsbedürftige nichts tut, so lange man
ihnen nicht gerade das gibt, was ihnen notwendig ist. Von jetzt an gewann mein
Mitgefühl den Charakter der Tätigkeit; und ob es gleich dadurch an innerer
Stärke verlor, so war doch jeder Akt der Milde mit desto mehr Vergnügen für mich
verbunden, je bestimmter ich mir sagen konnte, wodurch ich ihn zu Stande
gebracht hatte. Jenes müßige Wohltun, wodurch man sich zuletzt entweder von
einem unangenehmen Gefühl loskauft, oder sich die eigene Unbedürftigkeit klar
macht, ist mir seitdem immer fremd geblieben; und was die Verteidiger der
Selbsteit auch immer zur Rechtfertigung ihres Systemes sagen mögen, so hab' ich
immer an mir selbst zu bemerken geglaubt, dass außer der Selbsteit noch etwas
anderes im Menschen ist, das, mag man es doch nennen wie man wolle, allein zu
Aufopferungen und Anstrengungen für die Gesellschaft führen kann. Es war, wenn
ich nicht irre, eine Französin, welche über ihre Türe schrieb: Sparsamkeit ist
die beste
